Konzert Berichte
Blues unter´m Taubenschlag / 20.8.10
An einer musikalisch neuen, historisch aber erwürdig alten Location ("1664" glaube ich auf dem Tor gelesen zu haben) fand am Freitag, den 20.8.10, ein sommerlich herrliches Freiluftkonzert statt. Der umtriebige Hermann erzählt davon...
Blues unter´m Taubenschlag
20. 8. 2010
1110, Kaiser-Ebersdorfer Straße 288
Selbst die eifrigsten Blueser werden mit dem Taubenschlag kaum etwas Konkretes anzufangen wissen. Daher darf einleitend ein kleine Geographieminute angesagt sein: Ein Innenhof zwischen Bäumen (darunter dominierend eine imposante Virginia-Eiche, Quercus virginiana), Hibiscussträuchern in voller Blüte, Efeu und Immergrün, Hauswurz auf Minitürgiebeln, steiniger Boden, in der Mitte ein wohl schon sehr altes Taubenhaus, ohne auch nur eine Taube - da kommt leicht die Frage auf, ob die sorgfältige Restaurierung vermutlich dort dereinst beheimateten Tauben Dauerurlaubsscheine ausgestellt hat; nun ja, die Hülle ehemaligen Lebens ist museal vorhanden und trägt erlebenswertest zum Flair des Platzes bei -.
Eine Bühne unter´m Sonnenschirm, Tische und Sessel (sie wackelfrei zu plazieren war, die erste Herausforderung an´s Publikum). Getränke und feines chinesisches Essen, beides zu wohlfeilstem Preis und in tellerüberfüllender Menge. Das alles versteckt hinter einem auch schon des Denkmalschutzes würdigen Holztor. Man würde dort das nicht vermuten. Daher schon allein deshalb dem “Finder" der Location, dem Besitzer, der ohne Miete dieses Wunderland zur Verfügung stellte und den BlueSimon´s für die Veranstaltungsorganisation, sowie, ganz oben auf dem Gipfel, den Musikern viele, viele Vorhänge, tosenden Applaus, staunende Dankbarkeit des Sommerbluespublikums: Ja, sie kamen alle.
Und frage nicht, was da an Musik geboten wurde. Was erwartet man schon bei den Namen Hermann Posch, Peter Müller und Stephan Rausch: Es kam einem vor, als wären die Gipfelbewohner des Großglockner, Marterhorn, Monteverest, K 2 rund um einen Taubenschlag versammelt.
Vom ersten Akkord weg tauchte Hermann Posch in den Groove des Blues ab, zieht Peter Müller sofort mit.
Stephan Rausch hätte, selbst wenn er es wollte, dieser Magie mit seiner Mundharmonika nicht entkommen können. Wie explosiv er aber auch sein kann und damit dem schmeichelnden Blues konkrete Lebensenergie verleihen kann, daran ließ er im speziellen ab der Verwendung seines eigenen Mikros teilhaben. Man mag ihn noch so oft schon gehört haben, er hat immer wieder neue Gags auf Lager, die in ihrer Knappheit wie von Mikrozündkapseln abgefeuert lange den Hörer mit Fragen beschäftigen: Wie machte er das? Und je mehr man darauf lauert, desto öfter wird man sich sicher, daß er auch seine zwei Kollegen auf der Bühne damit überrascht. Herrlich!!
Ja, Posch an diesem Abend: Mit nichts kann man ihm adäquat in der Schilderung nahekommen. - Vielleicht läßt sich dies zusammenfassen in der Notiz: das war Hermann Posch als die totale Inkarnation des Blues: Schmerzhaft jeder Ton, egal ob Gitarre oder Gesang, weil er sich nicht festhalten läßt und den Empfindenden mit der nie satt zu bekommenden Gier nach mehr, nie endenden Tönen überschüttet. Vor vielen, vielen Monaten gab Posch auf die Frage, wie er mit dem Musizieren pauschal umgehe, die Antwort: “Sobald ich einen Ton loslasse, gehört der allen, nur nicht mehr mir!"
Ich bin mir sicher, wenn man darauf aus ist, diesen Unterschied zu so vielen anderen Musikern zu erahnen, geht man mehr als bereichert, mit einem dicken Paket feinster, in den Tiefen der eigenen Psyche eingelagerten Tontresoren zurück in den Alltag. Das, was Hermann Posch (übrigens geschmückt mit einem breitkrempigen Hut, auf dem zwei weiße Tauben, einem Pärchen gleich auf zwei goldenen Ringen = was ist da die symbolhafte Aussage?) den ganzen Abend dem Publikum gegeben hat, endete in dem Statement an den Hörer: “Missing you", das er wie ein Motto jedem, der das so verstehen wollte, in der Abschlußnummer mitgegeben hat.
Peter Müller, der Hero am Schlagzeug, - man weiß ihn zu schätzen als die Impulskraft eines Abends, die nicht ungern durch das energische Spiel daran erinnert, daß die Zeit, auch die des Abends, dahineilt, - war von Anbeginn an der Posch´schen Bluesstimmung ausgeliefert: so exakt wie er den Abend unterstützte, das muß ihm erst nachgemacht werden. Neben all dieser tiefbluesigen Präsenz verwirklichte er seine Spielkunst in seinem ersten Solo des Abends in mehreren Schlagfolgen, wie sie bisher erst in dem legendären Drumbattle 1966 von Gene Krupa, Buddy Rich und als Steptänzer Sammy Davis jr. Geschichte werden ließen. Der Genius des Peter Müller beschwor die Erinnerungen herauf. Ober er das gewußt hat? O, ein Genius ist, und das ist schon das Übermaß.
Und in dem wolkenlosen Nachthimmel machte der Mond, fast vollständig als asteroides Gemälde weit oben, an die Musik angelehnt, zusätzliche Stimmung. - Hat jemand bemerkt, daß der Mond kleiner geworden ist, wie die Medien aktuell zu berichten wissen? Was da noch zur vollen Scheibe fehlte, ist das, was da neuerdings fehlt?
Mondkenner werden aufklären?!
Den Abend beschloß ein nun als historisches Ereignis hier festgeschriebener Abschiedsgruß der Veranstalterin Sissi Simon: “Ich bin sprachlos."
Das gehört und die Bedeutung verstanden zu haben, läuft in dem Resumée zusammen: Welcher Abend! Auf einen nächsten!!
Postscriptum: Für diesen Abend probten die drei Musiker 17 Songs und zeichneten sie ohne jeder weitere Adaption, also ganz life, auf: zu haben auf der Styxrecords-CD “Dove House Blues". Man ist also authentisch dabei. Aber: Warum findet man selten aufklärende Begleittexte wie hier, aus Musikerhand? Nachmachen!!
Hermann









Kommentare
hermann posch
danke für den schönen nachbericht.es war wirklich ein traumhafter abend.auf diesem platz möchte ich ein 2 jähriges gitarrensolo spielen :)
danke auch an die vielen musikliebhaber,wir hätten nie geglaubt das da so viele leute kommen.
liebe grüße hermann posch
Sissi
Danke lieber Hermann für diese schöne Schilderung des Abends der - sicher nicht nur bei uns - unvergessen bleiben wird!
Deinen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen.... außer vielleicht zu bemerken, dass solche Ereignisse enorm dazu beitragen, dass man sich immer wieder die Arbeit im Vorfeld antut, einem die Bestätigung geben, dass man dies nicht vergeblich tut!
In diesem Sinn hoffe ich auf ein Da Capo im nächsten Sommer....
und bedanke mich nochmals bei allen "Mitarbeitern",
lieben Gruß, Sissi