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Konzert Berichte

Bauer mit Durst XXL, Chamottefabrik, 1. 8. 2010

In der Chamottefabrik im Wiener Prater gibt es immer am ersten Sonntag im Monat, allerdings nur während der Sommermonate, einen Bluesbrunch. Diesmal erzählt uns Hermann vom Auftritt von Bauer mit Durst XXL, in eben dieser Chamottfabrik, am 1. 8. 2010.


Bauer mit Durst XXL, Chamottfabrik, 1. 8. 2010


In der musikalisch zum Teil Dürreperiode überraschte, wie es so sein Talent dazu ist, Andi Bauer mit Durst, und das gleich XXL. Der Zustrom der Durstigen war an dem Sonntagmittag, wie das seit einigen Monaten bei allen Bauerevents in seinen diversen Zusammenstellungen zu beobachten
ist: höchst beachtlich. Die unbestreitbar einzig- und eigenartige Lokalität hat ja eine nur dort erlebbare Ausstrahlung. Und wenn man in noch so großen Abständen wiederkehrt, man kann sich an den immer irgendwie aufgestellten Hartsesseln, Fauteuils, rohen Holzbänken und das Ausgedinge auslebende Fiakerkutschen (in Erinnerungsmomenten kindlicher oder frühjugendlicher Art kam da “Hoch auf dem gelben Wagen sitz ich beim Schwager vorn" aus der Memorialkiste hoch? Ach was, Rassel
drauf!) zuverläßlich orientieren: ja, man ist in der Freudenauer Chamottfabrik. Keineswegs störende Spinnweben gehören zum Inventar.

Selfservice am urigen Tresen verkürzt die Wartezeit bei derartig flinker Bedienung auf ein Minimum. Und auch die Speisen finden regen Zuspruch. Irgendwie wehrt sich dieser Platz gegen eine verbale Beschreibung. Es gibt so viele Details zu entdecken, daß nur eines hilft: hingehen, selber schauen. Das alles bei traditionell warmer Witterung.

Heiß geht es dann von der Bühne her. Eine der ausgewogensten Tontechnikanlagen von Kennerhand und Musikgehör auf hohem Niveau bedient lassen vom ersten Ton an nichts anderes mehr zu als:
zuhören, lauschen. Die Garanten dafür sind die Musiker: Rudi Buchinger (Drums), “Big" Andi Bauer (Bass), Hannes Durst (Gitarre, Gesang: an diesem Tag in XXXXL-Verfassung), Andi Bauer (Gitarre, Harp, Gesang: wo nimmt er die Energie für einen derartigen ausdrucksvollen Mittag, und das vor dem Urlaub, her?). In einigen Nummern fand sich auch noch Platz für “The Duke" Rudi Langer (Gitarre, Gesang) und Michael “Doc" Junker (Harp): Da waren dann “Durst XXL" und Jig-Saw Puzzle (sogar Wikipedia: “Vienna Globe Trampers") gemeinsam am Werk.

Von den Stücken, die gespielt wurden, ging mir eines derartig nachhaltig unter die Haut, daß eine weitere Auseinandersetzung damit vorprogrammiert schien: “The blues for the lost days" (von John Mayall). Ein ernster Themenvorwurf! Er provoziert zum Weiterdenken: Überhöht und als Summe verstanden bezieht sich das wohl das Leben insgesamt, das in seiner schlimmsten Verfassung vor dem Ende steht. Ohne eine auch noch so geringe Kennerschaft der Bluestexte als Reverenz anführen zu können, herrscht der Eindruck vor, daß diese Thematik bei Life Auftritten über weite Strecken vermieden wird. Wäre man jetzt auf das Lebensende aus, fällt einem Siggi Fassl und “Bring me flowers" ein.

Eine mehr als hörenswerte Nummer ist Gary Davis´ “Death don´t have no mercy in this land".
Ein Unter-die Haut-Song. Auch zahlreiche Künstler, die dieses Lied in ihrem Programm haben (höre z. B. Grateful Dead!), folgen der ernsten, tristen, ausweglosen Aussage. Andi Bauer und sein XXL-Magier gehen einen Weg, dessen Bannkraft man bei offenem Hinhören nicht entkommt. Denn es steckt beinahe eine absichtlich Verdunklung drinnen: leicht wird für den Hörer aus den “lost days" die “last days". Welcher Unterschied mit eingeplantem Mißverstehen!

Wenn Andi das Thema im Fortschreiten zusehends betroffener, trauriger singt (die rauhe Stimme scheint dafür extra geschult zu sein; geht wohl nur mit besonderer Disziplin) und die düsterer werdende Begleitung mit bedrohlich anhaltenden Bass-Tönen von “Big" Andi, untermalt in bestimmten, das Feeling dirigierenden Drum-Mitsprache von Rudi in eine Richtung führt, die kein Entkommen zuzulassen scheint, da wehrt sich mit dem Einstieg gerade zum richtigen Moment Hannes, der XXXXL-Mann des Tages, so als würde er alle Lebensenergien zusammenraffen, die Tristess einfach übertönen. Dabei verlangt er der Gitarre alles ab, bringt sie und sich selbst hör- und sehbar in einen Vibrationszustand, der mit dieser Betroffenheit nur Hannes gelingt.

Selbstredend unterstützen ihn darin kraftvoll Drum und Bass. Mit diesem Part ist eine spannungsgeladene Dialogsituation geschaffen, die den Zuhörer zwangsläufig umgarnt, aufsaugt und ihn eigentlich unfähig macht, zu applaudieren.

Auf der einen Seite der Respekt vor dem definitiven Sieger, auf der anderen die Natur, die in erster Instanz für das Leben votiert. Was ist hier angebrachter als betroffenes Inhalieren des Gehörten? Sehr bald meldet sich der Wunsch, diesen Durst mit Durst nochmal erleben zu dürfen.

Und bald danach zum x-ten Mal “Bring me flowers" in Siggis Interpretation hören. Welche Geschenke, wenn man in offener Zuhörbereitschaft “Blues for the lost/last days" und “Bring me flowers" verinnerlichen kann.

Erlebt in der Freudenauer Chamottfabrik bei “Bauer mit Durst XXL".

Hermann



07.08.2010 20:33 Hannelore

Kommentare

Hannes Durst

Danke Hermann für diesen schönen Konzertbericht und die Beschreibung zu "Blues for the lost days"!

Nun, ich muss etwas ausholen, seit dem Erscheinen der LP, "The Turning Point" im Jahr 1969 von John Mayall und dem bekanntesten Cut daraus, "Room to move", hat mich dieser Mann und seine Musik bis heute fasziniert. Auch bei der Auswahl seiner Gitarristen - jene interessierten mich natürlich besonders - bewies er immer ein glückliches Händchen und alle fanden, nachdem sie letztendlich die Band verlassen hatten ihren eigenen musikalischen Weg.
Mick Taylor, Peter Green, Eric Clapton, Walter Trout, Coco Montoya, Buddy Whittingthon, um nur einige zu nennen.

Anlässlich des 70ten Geburtstages von John Mayall, wurde 2003 in Liverpool ein legendäres Konzert, bei dem teilweise drei seiner ehemaligen Gitarristen gleichzeitig auf der Bühne standen aufgezeichnet. Auf dieser DVD habe ich den "Blues for the lost days" das erste mal gehört. Ich war so fasziniert von dem dargebotenen, dass ich es mir gleich einige male hintereinander anhören musste! - und das ist noch untertrieben! Die Art und weise mit wieviel Gefühl, Mick Taylor und Buddy Whittington auf der Bühne musikalisch und harmonisch miteinander Kommunizieren....unglaublich....!

Als ich vorschlug dieses Lied ins Programm aufzunehmen war uns allen bewusst, das es keineswegs leicht sein wird diese Nummer glaubhaft vor unserem gestandenen Blues-Publikum zu interpretieren, wir habens trotzdem versucht und wie es scheint ist es uns gelungen.

Danke an all jene die dabei waren und die massgeblich daran beteiligt waren, dass dieses Feeling, das solche Momente überhaupt erst enstehen lässt, dass dieser berühmte Funke, von der Bühne zu euch, dem Publikum, so übergesprungen ist.

Liebe Grüsse, Hannes

11.08.2010 14:27
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