Konzert Berichte
Blues Summit 2011/Louis Braille Haus/12.11.2011
Blues Summit 2011
Louis Braille Haus, 12. 11. 2011
Es ist weit, weit mehr als ein Test des Erinnerungsvermögens, verknüpft mit der in letzter Konsequenz prekären Frage, wie viel sich Musikerlebnisse im Gedächtnis über eine gewisse Zeit hinweg gegen das Vergessen behaupten können.
Es liegt eine Woche zwischen dem Heute und dem 12. November, an dem eine Königsidee den Abend bis tief in den frühen Morgen hinein gestaltete.
Das Doppelkonzert mit Hooked on Blues und mit der Vienna Blues Affair rief eine enorme Schar an Fans in das voll ausgebuchte Louis Braille Haus.
Und es ist ein leichtes, das Resultat zu antizipieren: Es waren traumhafte Stunden, voll artistischer Musikerkunst, konträr und einander betörend ergänzend: in jeder der beiden Formationen nur “Könner" (welches hilflose Wort, das nur unter dem Ansatz verwendet werden kann, wenn die Etymologie - Können und Kunst sind untrennbar Verwandte - präsent ist), jeweils gleichsam magische Hand voll (Hooked mit Siggi Fassl [guit., voc.], Christian Sandera [harp, voc.], Michael Hudec [bass], Michael Strasser [drums], Oliver Humer [piano] und VBA mit Andi Bauer [guit., voc., harp]), Reini Ruiss [voc., piano, trump.], Erich Pochendorfer [guit.], Hari Ruiss [bass], Werner Mairinger [drums]), trotz erstmaliger Begegnung der begeisterten Zuhörerschar die gewiß auch mathematisch nicht begrenzbare Fülle musikalischen Ausdrucks, eben des Blues, vorzuführen. Aber ich verneine entschieden eine Zusammenfassung im Billigangebot wie “für jeden etwas". Es kann nicht im Bereich des Referierbaren gesucht werden, wie die Eigenständigkeit der beiden Formationen und ihre Gemeinsamkeiten zu beschreiben wären. Der nachdrückliche Hinweis, sich eine Selbstbewertung zu organisieren, wäre eigentlich in Großbuchstaben und spezifischer Leuchtfarbe hier am Platz.
Es mögen ein paar noch (sicher die Jahre hinweg) präsente Details das Ihre zur Verinnerlichung und als legitimer Appell des Selbsthörens zulässig sein: den ersten Teil des Abends gestaltete die VBA. Wenn man zu wiederholten Malen einer noch jungen Band (vier Jahre?) mit aller verfügbaren Aufmerksamkeit folgt, kennt man die musikalischen Schwerpunkte, glaubt man. Und gerade das war die ganz, ganz große Überraschung, denn das Programm enthielt nur spärlich wenig vertraute Musikstücke. Die gespielten Nummern waren neu, das erste Mal dem Musikfreund vorgetragen, und meist aus der Feder des sowieso immer bewunderten Erich Pochendorfer.
War bisher seine ganz charakteristische Spielweise in ausgefeilter Technik von den zartesten Pianos bis zu den Explosionen beschreibende Furiosi vertraut und mehr als gern gehört, überraschte er mit seinen Kompositionen als tiefsinniger, zeit- und daseinskritischer Musiker [ist schon ein heftiger Wunsch, den vollen Text zur Zeitkrise nachlesen zu können: YouTube?]. Daß diese Band die geeignetste Voraussetzung zur in allen Punkten Premiere war, läßt sich leicht erahnen.
An dieser Stelle sei der künftige Hörer darauf eingestimmt, daß es gerade immer die Texte der VBA sind, die kaum ohne zwei Möglichkeiten an den Verständnis- und Auffassungsmöglichkeiten auskommen und darin den zunächst objektiven Zuhörer zum Fan machen, ihm aber immer die Aufgabe mitgeben: Wie war das zu verstehen? Was Wunder, sind doch hier Lehrer tätig.
Hooked on Blues, eine vergleichsweise “alte" Band (1988 gegründet), erfüllt die gängige Kategorie:
was selten ist, ist ein Tresorbestand. Es sollte im Bestreben vieler Musikfreunde liegen, dieses Quintett (siehe oben) mehr als ein- oder doch zweimal im Jahr erleben zu dürfen. Und hier ist “erleben" kein lausiges Füllwort einem gewissen Sprachrhythmus gehorchend, sondern ein “Summit"-Wort: Man hört nicht die Hooked, man erlebt sie, und dazu braucht man alle Sinne. Ist einer nicht mit dabei, fehlt etwas. Was da an Musik geboten wird, kann einem nur das Dasbeisein oder die einzige CD der Band vermitteln; was das Auge konsumiert, fest das Life-Erleben voraus:
und dazu kann man sich nicht sättigen an Siggi´s körpersprachlichen Musikinterpretationen. Am liebsten würde ich sagen: Stants and Moves. - Geht´s um Musik, erwacht in Siggi nicht selten ein Tornado. Wer hat noch nicht die in sich gekehrte Spielkunst von Hudec kopfschüttelnd bestaunt: Wie kann man nur verstecktes Zucken der Mundwinkel so ausdruckstark zulassen? Ja, ein Mirakel. Und auf dem Kontrapunkt bewegt sich gleichsam auf dem Stufenbarren Sandera: Wer bei hingebungsvollem Zuhören im Begeisterungsausbruch zum Risiko für das Mobiliar des Saales wird, kann sich aller Rechtfertigung sicher wissen.
Vermutlich geht es vielen so, daß sie beim Auftritt Sandera´s einer auf Dauerlauf eingestellten Jukebox ähnlich sofort sein in unvergleichlicher Eindringlichkeit vorgetragenes “Help me" (Sunny Boy Williamson II) hören, egal, ob er´s spielt oder nicht. Diskret, präsent, unersetzbar in dieser Band: Strasser am Schlagzeug. Wie er Akzente, manchmal wie ein Ordnungsruf formuliert, als ein Extra in den Raum setzt: Das ist schon Sonderklasse. Und eines der stärksten Bilder an Körpersprache ruht - gesuchte Wortwahl! - bei Humer: seine Mimik ist unverwechselbar konstant, seine Haltung unterstreicht der edle Zweiteiler: ob im entfesselten Boogierhythmus, ob im schmelzenden, leise verklingenden Piano: Der Ausdruck ist von immenser Stärke und Mitteilungsfähigkeit. Wie wohltuend leicht fällt es ihm in artverwandter Hingabe zu lauschen.
Was bleibt nun nach diesem Abend noch zu sagen: Spielt öfter, beide: VBA und Hooked!
Und das Resumee: perfekt organisert, im wunderbaren Louis Braille Saal Hochstimmung bei Musikern, Hörern und dem flinken Personal des Hauses unter der Regie von Gabriele Lekovits.
Applaus den Erfindern dieses Events: Wenn eine Übersetzung des Summit zulässig ist, dann ist das der Abend selbst: DER Höhepunkt eines ganz und gar nicht grauen Herbstes. Viele Vorhänge!!
Die versammelte Blues-Szene weiß sich hocherfreut, daß in diese Location endlich auch diese Musik Eingang gefunden hat. Es bestätigte ja der Vorreiter (CD-Präsentation des “Tribute to Jerry Lee Lewis" vor wenigen Wochen) die Akzeptanz des Platzes. Und wenn gewissen Vorzeichen an dem Summit-Tag richtig gedeutet wurde, gibt es im November 2012 eine Neuauflage am gleichen Ort mit den gleichen Musikern.
Jeder, der bereits einen Kalender für 2012 parat hat, sollte diesen Termin vormerken !
Hermann









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