Konzert Berichte
Peter Ratzenbeck und Claudia Volf / Holzmühle / 8.4.12
Peter Ratzenbeck und Claudia Volf
Holzmühle in Lauterbach (bei Weitra)
8. 4. 2012
Beim Schlußsatz des Berichtes über das Premierenkonzert Peter Ratzenbeck - Claudia Volf (24. 4. 2011 am gleichen Platz) den Anfang zu machen (“Und wenn sie wieder zu hören/sehen sind, bin ich dort.") anzusetzen, stellt nicht nur ein chronologisches Continuum sicher, es stellt die noch lebendige Erinnerung an 2011 und an den diesjährigen Abend auf den Tisch. Nichts zieht so sehr in den Bann als die Suche nach einer Antwort, wie die eine aktuelle Beschreibung des Events im Vergleich dastünde. Dabei ist als Fixum damit anzusetzen, daß die Künstler zwar dieselben sind, und ein noch genaueres Hinsehen und Hinhören Veränderungen greifbar werden lassen. Daß es an den Grundzügen alles unverändert zu beobachten gab, besagt schon der eben bemühte Ausgangspunkt zum neuen Referat.
Lassen wir der Dame den Vortritt: Claudia Volf´s Gitarrespiel ist auf einem Niveau angelangt, das kaum anderes zuläßt als Anerkennung und Lob, mehr noch: feiner Kunstgenuß, ein Teil ihrer Persönlichkeit mit dem Schlußwort dazu: “Mehr, viel mehr davon". Ihre Stimme hat den Glanz der Anfangszeit, sie ist sicherer, sie leistet alles, was Gesang als Instrument zum bleibenden Eindruck braucht. Sie hat, deutlich und unüberhörbar versierter ihre Modulierbarkeit eingesetzt, was der Wertigkeit ihrer immer gehaltvollen Texte in einem für mich neuen Maß zur Geltung brachte. In dieser erstaunlichen Modulierbarkeit der Stimme fehlt keine der Nuancen: vom schmelzenden Piano zum triumphierenden, Schmerz und Jubel beinhaltenden Fortissimo. Wen wundert´s, wenn Songpausen der begeisterten Hörerschar Feststellungen weitergibt wie: “Und das von einer so zarten Person!"
Gerold Weissenböck begleitete den Abend auf der Percussion, sicherer geworden seit dem Vorjahr, ganz auf das jeweilige Musikstück bedacht, unaufdringlich, immer im richtigen Moment den Rhythmus unterstützend. Besonders wirksam war er auf seinem Cajon. Das Publikum wie die beiden Solisten dankten es ihm.
Und ihr Programm: vier Songs bot sie gemeinsam mit Peter Ratzenbeck, dessen geniale, von Spontanität beherrschten Begleitung ein Kunstwerk für sich war: “This love will carry" (Autor Doughie McLean) und ihre eigenen Lieder “Times are changing" (ein bewegender Ausschnitt ihrer Biographie), “Silverback" (das Schicksal der Berggorillas in Ruanda als Metapher des Schicksals der Menschen, wie 2011 gesagt) und “Not in vain" (einfach echt und authentisch: “nicht vergeblich" ist solche Musik).
Begegnete man hier gut Bekanntem, hatte sie sechs weitere Lieder neu im Gepäck: Davon “When I´m gone, I´m gone for ever" (kaum anders als autobiographisch zu verstehen: Entschlossen zum konsequenten Sein, was immens berührt und Nachdenklichkeit bei einem selbst hinterläßt), “Once I Thought", “Count to ten" (from the bottom of the heart: als Lebenshilfe: gleichsam Augen schließen und bis 10 zählen und in neuer seelischer Verfassung die Augen öffnen und in den Alltag zurückkehren): Claudia sagt immer ernstes mit ihren Liedern und Texten. Ja, es reicht nicht: Dem Volf-Zauber des Abends kann man nicht gerecht werden. Zu vielschichtig, zu reichhaltig. Es war kein Blues-Abend im herkömmlichen Sinn. Dennoch war es wohltuend, einen Abend lang ohne “Baby" auszukommen.
Peter Ratzenbeck: Diesmal (es war die zweite Begegnung mit dem Künstler) begann ich langsam zu begreifen, was seine Spielweise ausmacht: Man weiß, daß seine Konzerte (fast) nur Gitarrensoli beinhalten. Sein Urteil über seiner Gesangsstimme zu beschreiben, ist nur er selbst legitimiert. Hat man gelernt, der Sprache seiner Gitarre zuzuhören, ist das nicht nur für den Zuhörer ein ganz großer Schritt und eine noch viel größerer Zugewinn an wortverweigerndem Kunstgenuß. Selbst wenn man schon doch eine satte Anzahl Gitarristen gehört hat, bleibt als gewissermaßen einsamer Leuchtturm Peter Ratzenbeck.
Sein erstes Stück “Unterwegs" nahm den Hörer sofort mit auf den Weg durch das Leben, angefüllt mit bitter-feinen Zarttönen, mit harten und strengen, sicher nicht gefahrfreien Begegnungen, Freude, mit Schmerz und bittere Enttäuschung: Doch: Peter Ratzenbeck nimmt den Zuhörer nicht nur mit auf einen wechselvollen Wanderweg, er hat auch das Remedium zum harmoniereichen Ausklang zur Hand: seine Musik. Entfernt artverwandt ist sein auch 2011 gehörtes Musikstück “Odyssee": Natürlich denken wir legitimiert an den homerischen Helden auf seinen Abenteuer- und Irrfahrten. 2011 schien mir das Opus dem Helden aus Ithaka gehört zu haben, diesmal kam ich nicht von dem Eindruck los: der Fernreisende war diesmal der Komponist der Musik, der immer wieder das Schicksal herausfordert, die ruhigen Zufluchtsorte verläßlich fand. Und auf dieser bewegten Reise ließ er den Zuhörer nie allein und unbeaufsichtigt.
Wie sehr er Stimmungen in Musik umsetzen kann, führte das Naturbild “Aus´m, Neb´l" vor: ich weigere mich, hier nicht vom geographisch bedingten Naturerlebnis zu schreiben. Vielleicht brauchen wir Ratzenbecks Musik, um das Durchbrechen der Sonne aus dcem dicken, beengenden Nebel wieder als feines Erleben zu genießen.
Sein “Wonderful tonight" war ein Liebeslied ohne Worte, aber mit umso zarterer Wirkung.
Als er plaudernd seine Gitarre umstimmte auf den exakten Gleichklang zu einer Zitter, mag man voreilig den Eindruck eines Gags gesehen haben. Als er aber die Seiten anschlug, waren dies die Töne von Toni Karas. Vielleicht hat sich mancher sogar heimlich umgedreht, um den dritten Mann in seinem Rücken zu identifizieren.
“Unfaßbar" war der Befreiungsruf etlicher aus dem Saal, als sein 20 Minuten “Medley" ausklang. Wie sehr er sein gesamtes Können (dachte man!!) in einem stürmischen Kontext abrief, das bestätigte letztlich der leichte Erschöpfungszustand des Musikers. Unwiedergebbar, was da zu hören war. All das jedoch in der Hoffnung auf eine Wiederbegegnung.
Was er im Vorjahr mit der E-Gitarre zur großen Überraschung den Abend mitgestaltete, das machte der Virtuose mit Sliden auf den Akustischen. Eine andere, stärker dem Augenblick verbundene Art, die um nichts weniger Eindrücke hinterließ.
Man geht ja nicht immer von Musikabenden nach Hause und grübelt über die Aussage der eben gehörten, aber halt doch nur partiell verstandenen Texte. Man muß diese Lücken nicht immer bei dem eigenen Mangel an Sprachkenntnis suchen. Manche der Musikstücke scheinen ja tatsächlich eine deutlichere Aussprache nicht zuzulassen. Appelle und Bitten, diesem Defizit (auf wessen Seite auch immer) mit einleitenden Anmerkungen entgegen zu wirken, könnte noch mehr Praktikanten finden. Zu ihnen zählen Peter Ratzenbeck und Claudia Volf. Das Publikum dankt es durch auffällige Aufmerksamkeit.
Während Claudia in allem Ernst der betreffenden Thematik den Kern ihrer Songs offenlegt, verpackt dies Peter Ratzenbeck in ein geniales Entertainment: Rhetorisch ist jeder Satz ein Meisterwerk (und es steht ja außer Frage: der PISA-Test hat da keine Rolle) der Redekunst (so bringt er wieder die Funktion der Partizipalkonstruktionen in Erinnerung: also zugleich eine gelungene und unterhaltende Deutschstunde). Da gesteht er in seiner “Autobiographie", wie sehr ihm Erlebnisse mit dem Mädchen NN (Datenschutz!!) noch heute lebendig sind, das besonders gut kochen konnte, und das mit Forellen. Finden sich da in der Komposition “Manchmal" (oder war es “Wonderful tonight"?) knappe Zitate an Schubert´s oder Liszt´s “Die Forelle", die man gar zu leicht in der Ahnungslosigkeit der Musikbegeisterung überhört?
Zurück zum Anfang: Und wenn sie wieder zu hören ist/sind: ich bin dort.
Hermann









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