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Summer Blues Festival/Ratzersdorfer See/17. 7. 2010

Unermüdlich ist Hermann, trotz Sommerhitze. Heute erzählt er uns vom Summer Blues Festival am Ratzersdorfer See bei St. Pölten vom 17.7.10.


Summer Blues Festival, St.Pölten, Ratzersdorfer See, 17. 7. 2010



Wir richten uns gerade zurecht für das Summer Blues Festival in St.Pölten, am Ratzersdorfer See. Welch klimatischer Traum: Raus aus der heißen Wohnung in der City, an den kühlenden See.

Soll ich die wasserbeständige Wimperntusche nehmen?" - “Für Ratzersdorf immer!" Die Erinnerungen an die vergangenen drei Jahre, o wie sind sie noch lebendig: einmal (2008) durch ein Spontangewitter mit Guß (wenn´s das in der Meteorologie terminologisch noch nicht gibt:
sofort einführen mit Belegen vom Ratzersdorfer See!), dann in Kälte, Regen und bissigem Wind trotzend in Hartnäckigkeit des unbedingt Dabeisein-Müssens Erlebtes voll Groll gegen unsympathischen, aber wahren Wetterwerten (2009).

Diese getrübten Memoiren stehen immer den beeindruckenden Musikdarbietungen gegenüber. Es kann aber keinesfalls verleugnet oder kleingeredet werden, daß die Seeathmosphäre nichts weniger atemfreundlich, wohl auch heilsam ist. Ihr zur Seite standen immer die Verlockungen der Wutzel-Freuden (vergessen wir, die einmal Dortgewesenen nicht, wie kalorienlistig und labsalvoll die Speisen und Getränke manchen Wetterschmerz in pure Lebensfreude verwandeln).

Und dabei ist ja noch immer nicht gebührend von der Musik die Rede. Die Aktualität des kärglichen Berichtes darf sich auf 2010, den 17. Juli beschränken? Um Zustimmung und Milde im Urteil muß einfach gebeten werden.

Man kann dem Summer Blues Festival wahrhaftig nicht nachsagen, es sei auch nur irgend etwas davon ohne Hochspannung. Für diese sorgte in noch nicht dagewesener Klarheit die Wetterprognose:
Unwetter gegen Abend und in der Nacht mit allen heftigen Beigaben. Haben die Wetterpropheten einen ungetrübten Blick in die relevanten Stunden machen können? Ohne eine hilfreiche Krake? Wär´ halt was, wenn man sich so darauf verlassen könnte, wie dann die Wirklichkeit sein würde. Geschulte Skeptiker bzw. derartige Routiniers in der Organisation versicherten sich durch beharrliche Recherchen der größten Wetterwahrscheinlichkeit und kannten nun ihre Aufgabe: Das Programm kürzen, straffen, Musiker und Publikum in ein engeres Zeitfenster pressen.

Dafür gehen alle trocken nach Hause, bekommen aber wesentlich mehr als Hörproben. Und so war es. Schon allein für diesen Geniestreich gebühren den Regisseuren Charlie Furthner und Mika Stokkinen nicht nur eine Ordensflut, die sie künftig auch tragen müssen, sondern auch die dazu unverzichtbaren Nervenkostüme. Bloß, wer näht die?

Abi Wallenstein (mit Martin Roettger an Drums), der geheimnisvolle magische Gitarrist, der selbst so den geviften Mikka ohne Antwort sich mit der Frage konfrontieren muß: “Wo ist Abi´s Bassist?
Denn das Baßspiel ist nicht zu überhören." Mit solchem Beginn findet das Publikum keine Sekunde, sich um das Wetter, eventuelle Regentropfen (oder derer mehr) zu kümmern. Mit Ohr und Auge hängen da alle an der (vielleicht doch von den Zuhörern zuweit entfernten?) Bühne, können die Fesselung nicht ablegen, die nicht nur der Knitterhut Abi´s und sein “Nebenbei-Gitarrespiel" zu verantworten haben. Wäre die Bühne nicht so hoch und hätten strenge Security-Blicke nicht Wände errichtet, die Fans hätten Abi geschultert, ins Publikum getragen, und dort unlimited weiterspielen lassen. Irgendwann wird derartiges passieren!
Hier auch spezieller Dank an Martin Roettger, sein Drum war mehr als eine rhythmisch feine Untermalung.

Nach nun schon auffallend langen Wartezeiten endlich wieder einmal Martin Pyrker mit seiner Sabine. Was spielt Martin doch an “Raketen"musik, so darf man wohl sein Pianofeuerwerk zu begreifen versuchen. Daß die Harmonie in jeder nur erdenklichen Kleinigkeit schlicht als störungsfrei und vollkommen zu erleben war, möchte man als “selbstverständlich" sehen, soll und darf man aber nicht. Auch bei noch so reibungslosem Zusammenwirken muß auch die Harmonie erst gelebt und umgesetzt werden. Die
drei: Piano, Schlagzeug und Waschbrett, bleiben ein ergötzliches Duo. Sabine und Vater Martin sind wohl schon unzählige Male als Muster genannt worden. Ehrenvoll, wenn man das auch selbst erleben durfte.

Gänzlich neu für Ratzersdorf war der nächste Programmpunkt: Sixty Minute Men: Mika Stokkinen (Gitarre), “Präsident" Joe Krulis (Saxophon), Oliver Humer (Piano), Werner Dorfmeister (Bass), Joachim Sieberer (Drums). Auf einer Homepageseite wird als einer ihrer Leitgedanken ein Ausspruch von Marlene Dietrich zitiert: “Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich die gleichen Fehler machen. Aber ein bißchen früher, damit ich mehr davon habe." Was man da in vergnügten ca 45 Minuten hören konnte, läßt aus Hörerseite schon den Fehler erkennen, den man sicher nicht mehr machen möchte: Nicht dabei sein, wenn diese fünf Herren die 50er Jahre (etc.) einfühlsam, nahezu authentisch in ein ganz reeles Zeitfenster stellen. Das Dabeisein erfüllt eindeutig Dietrichs Ziel: “Š mehr davon haben".

Zugleich bekommt das Publikum musikalischen Unterricht, denn die Zeit der Entstehung dieser Musik liegt nun schon ein halbes Jahrhundert zurück. Für manchen aus den Kinder- bzw. Jugendtagen, und noch immer nicht verklungen. Dank der Sixty Minute Men einem Echo gleich wiedererweckt.

Mojo Blues Band hat wohl bei vielen der Gekommenen und entschlossen dem vorhergesagten Unwetter Trotzenden das Kribbeln ausgelöst: endlich die Formation, die bei keinem Ratespiel (“Musiker nur an der Spielweise erkennen") nicht die 100%-Quote verfehlen würde, so markant und prägend ist der Sound. Das hängt kaum mit der damaligen Number One zusammen, die kaum mehr zu hören ist, aber die “jeder" noch kennt: (dazu muß man nur 30 Jahre zurückhören). Wäre das nicht einmal ein Titel auch für das heutige Publikum?

Rosalie" zur Überraschung? Wahrscheinlich “fürchtet" der immer unerschrockene Bandleader, daß das Publikum die Band niedersingt. Ohne das Experiment: jedem aus dem Publikum ein Mikro.
Wie unverzichtbar die Mojo´s längst geworden sind, führte nicht nur ihr Auftritt vor. Die den Abend beschließende Session tat dies noch viel intensiver.

Kein Berichterstatter hat das Ethos, auch Unerfreuliches zum Inhalt zu machen. Aber es gibt für jeden, für Veranstalter, Sponsoren und Publikum Grenzen, deren Überschreiten nicht hingenommen werden darf. Und das verlangt nicht nur die Redlichkeit des maßvollen Kritikwillens:

“Virtuose Gitarrensoli, eindringliche Rhythmen, grandiose Stimmakrobatik, Songs, die unter die Haut gehen - Carolyn Wonderland groovt, und der Bär groovt mit ihr", so wird man (im Internettext zum Festival) auf die letzte Formation des Abends eingestimmt. Tatsache, meine persönlich empfundene war: Es gab sichtlich keinen Soundcheck, der bildete den qualvollen Anfang der Gruppe - und das bei dem Soundmaker Werner Görtler! - und wurde die wenigen Songs hindurch immer wieder in den Kurzpausen revidiert. Nein, das war ein Horrorfall von Unprofessionalität.

Die virtuosen Gitarrensoli fanden kaum mit dem (beinharten) Schlagzeug (Michael Lefkowitz) und dem eigenwilligen Piano (Cole el-Saleh) Gemeinsames. Berührung und Hoffnung kam bei beiden Nummern auf der Steelgitarre auf. Was dem Hörer hier vorenthalten blieb, kann nur immens viel sein, stellt man dem in Ratzersdorf Gesehenen internationale Pressezitate gegenüber.

Wenigstens Teile davon zu hören hat das bezahlende Publikum einen verbürgten Anspruch, von dem man die drei nicht freisprechen kann. Es mag nun als Zynismus aufgefaßt werden, aber: die Stimmakrobatik bestand im gelegentlichen Zusammenfinden mit dem Mikrophon, und da dominierte doch der Eindruck des Schreiens stellvertretend für ein kräftiges Singen.

Überforderte Stimmbänder?

Willi Resetarits sollte einen relevanten Teil des Auftritts von Wonderland mitgestalten. Nach geschätzten sechs Nummern brach der Gast aus Austin (Texas) den Auftritt ab, ließ den Veranstalter die Ursache (die Stimme versagt) mitteilen. Das Publikum spielte da keine Rolle.

Die abschließende Session (“der Regen ist schon in Loosdorf" ) war der Antrieb zu zügigem Zusammenspiel) unter Erik Trauners Regie - wer braucht da noch Angaben dazu? - startete unter großem Jubel Abi Wallenstein: Welch ein Genuß (ohne Bezug zum Vorigen gesagt), Krulis, Dorfmeister, Pyrker´s, Roettger, die gesamte Mojo, Mikka: Sie führten vor, was virtuoses Musizieren sein kann.

Bewunderung, Dank und Orden (s. o.) den Organisatoren Charlie Furthner und Mikka Stokkinen mit ihren Helfern. Dank auch an die Offiziellen (Bürgermeister und Vizebürgermeisterin) der Stadt St.Pölten, die durch ihr Dabeisein wohl auch ausdrücken wollten, daß sie den Summer Blues am Ratzersdorfer See bei nahezu jedem Wetter abgehalten wissen wollen. Wir sind diesmal nicht triefend vom Regen heimgefahren. Und künftig?

Zeit für eine kurze Bilanz der Sommerfeste zur Erinnerung:

1. Finanzamt mit Mojo-Parade: Wetterkapriole.
Aber von Trauner bravourös mit launigster Session im Tunnel mehr als eine Ersatzveranstaltung.
2. Gaisruck mit dem Stadlblues: zwei Tage mit Prachtwetter 3. Jetzt Ratzersdorf: ein spezielles Ereignis
4. Blues unter´m Taubenschlag am Ende der Saison (20. 8., 1110, Kaiser-Ebersdorfer-Straße 288).

Sorry, Hermann




20.07.2010 11:28 Hannelore

Kommentare

Eugen Pernkopf

Liebe Leute, Brüder und Schwestern im Blues!

Tja, da sieht man, wie LEBENDIG die Blues-Szene in und um Wien ist! Und mit Szene meine ich nicht nur die Bands, sondern vor allem auch das PUBLIKUM.

Und die beste Werbung neben solchen Berichten ist die Mundpropaganda -
Die zieht wieder mehr Leute an, und das zieht wieder Medien an, und das ...
Ich mache gleich mal mit bei der Mundpropaganda und erinnere an weitere "einschlägige Events":

http://www.bluesandboogie.at in Brunn am Gebirge
(de facto auch schon eine Institution)

http://www.wienergassenblue... in Bruck an der Leitha
(immerhin heuer 2 geworden, dieses Baby einer Vätergruppe um Wolfgang Stinauer)

http://www.chamottefabrik.at im Wiener Prater
(seit Jahren veranstalten Martina und Heinz quasi ein
"Jeden-ersten-Sonntag-pro-Sommermonat-Bluesbrunch-Festival")

Also fad wird´s bestimmt nicht im "Vienna und Umgebung Blues Summer"!
LET THE GOOD TIMES ROLL...

Euer Eugen

21.07.2010 16:18
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