11. Schl8hof Bluesfestival / Wels / 27.-28.1.12
11. Schl8hof Bluesfestival
Surprises of Blues & Boogie Woogie
Wels, Alter Schlachthof, 27.& 28. 1. 2012
Was an sich an das Ende zu stellen ist, kann antizipatorisch gleich hier seinen Platz finden, und das kann nur mit allem Respekt lauten: Es war ein Festival. Es findet die erwartbare Wendung von “Höhepunkt" zu “Höhepunkt" keine Berechtigung. Jeder Moment der beiden Abende war Teil eines durchgehend gebotenen hohen Niveaus.
Der Organisator des bereits 11. Events, Martin Pyrker, begrüßte die den Saal vollständig ausfüllende Fanzahl mit elanvoll gebotenem Boogie und stellte mit einem “Stormy Boogie" nicht nur den historischen Bezug her, es klang auch einem Motto gleich. Welche Erinnerungen ließ er sich da selbst (und seiner Sabine) zu mit der modesten Notiz über die Entstehung dieses Boggie: 19. 1. 2007 veranstaltet Axel Zwingenberger im Konzerthaus in Wien den jährlichen Musikabend, mit Martin und Sabine Pyrker, und draussen fegt Kyrill über das Land. Der Sturm ließ auch die Rückreise nach Wels zur 5-Stundenfahrt werden und hinterließ letztendlich den “Stormy Boogie".
Den Einleitungsevent der Mitgestalter prägte Julian Phillips aus Dorset. Zu seinem Profil gehört nachdrücklich der Satz aus seiner Homepage “Julian is one of the founder organisers of the UK boogie woogie festival held at Sturminster Newton and Fiddleford in Dorset England". Mag er auch manchen an Vince Weber erinnern, er spielt geschmeidiger mit einer manchmal kräftigen rauhen Akzentuierung, was für das Genre die gewünschte Wirkung bringt. Mit welchem Genuß hört man ihn doch! Dem Untertitel und damit auch dem Motto “Surprises" gemäß überraschte Rhiannon Phillips, Julians Tochter, mit Stepdance zur Boogiemusik. Noch nie gesehen, noch nie zitiert gefunden. Das Publikum: Still, gebannt von der zauberhaften Persönlichkeit, ihren Bewegungen und ihren tänzerisch verpackten Interpretationen. Wie gerne würde ich hier geflüsterte Kommentare zitieren, und da nicht nur jene älterer Herren. Aber dazu fehlt mir das Copyright! Die Überraschung und die Freude des Publikums steigerten Vater und Tochter durch nicht erwartbare Zugaben.
Zum dritten Teil hatten sich Meena Cryle, Chris Fillmore, Hermann Posch und Reverend Frank TT zusammengefunden, ein Novum, eine Singularität. Bei diesen Namen ist allen klar: hier wird die Bühne zum Magma, wo Eruptionen aufbereitet und in ungebremster Originalität zur Explosion gebracht werden. Anders, etwa griffiger formuliert: echte Kracher der unbestritten intensivsten Stimmen der Jetztzeit, eingerahmt von zwei Gitarristen, für die niemand Vergleichsnamen suchen wird. Und wie da noch “I´d rather go blind" (Ý Etta James) herausragen konnte, möge, muß man hören! Man kann da nur resumieren: Was ist da dem Festivalorganisator gelungen!
Von ganz anderem Zuschnitt holten zwei Gäste aus Deutschland, Klaus Kilian (Harp, Gesang) und Bernd Simon (Gitarre, Gesang), die Down Home Percolators, das Publikum aus der Setpause zurück, hinein in ihre Welt der Matchbox Bluesband. Sie binden den Zuhörer mit virtuosem Spiel und einer immens starken Bühnenpräsenz an sich. Ihr Entertainment profitiert von einer traumwandlerischen feinen Abstimmung zwischen Bernd Simons Gitarre mit einem locker rollenden Swing in eleganter Zurückhaltung und einer kraftvoll schmeichelnden akustischen Bluesharp Killians. Die Akzeptanz im Saal war vom ersten Ton weg Faktum.
Martin Pyrker und seine Sabine führten einmal mehr vor, wie sehr Harmonie in vielerlei Hinsicht im Qualitätskriterium zum Ausdruck wird. Man wird weit und lange suchen müssen, um ein ähnliches Modell für ein kontaktstarkes Zusammenspiel von Piano und Schlagzeug zu finden. Doch, um einem anderen Aspekt Platz zu geben: über die Qualität dieser Boogie und Bluesmusik auch nur ein Wort zu verlieren, hiesse Tauben nach Athen zu schicken. Die Namen bürgen nicht nur für den höchsten Anspruch, sie tragen ihn auch in ihrer Leidenschaft für ihre, und damit auch für unsere, Musik.
Ein weitere Überraschung und zugleich Premiere, wohl für viele im Saal, war die Vienna Blues Affair mit Andi Bauer (Gitarre, Harp, Gesang), Reini Ruiss (Piano, Gesang, Flügelhorn), Hari Ruiss (E-Baß), Erich Pochendorfer (Gitarre) und Werner Mairinger (Schlagzeug). Der Leitsatz zur Kurzbeschreibung ist ihre eigene Sicht: “Der Blues kommt aus den Tiefen der Seele und braucht eigentlich nur eine Stimme, die ihm den Weg zum Publikum öffnet." Und diese Stimmen sind im Doppel vertreten: Beide rauh, kehlig, dunkel, zur Deutung durch den Hörer auffordernd. Exzellent an der Gitarre Erich Pochendorfer, dessen hochaktuelle und zeitkritische Eigenkomposition über die "Financial Crisis" in einem berührenden Blues beim Publikum besonders ankam. In der Motivgeschichte zu dieser Nummer hielt Erich Pochendorfer nicht mit der Wut der Betroffenen hinterm Berg.
Die Feinheit dieser beiden Festtage lag aber darin, daß die Formationen an beiden Tagen spielten, wobei das jeweilige Programm des zweiten Tages gleich oder auch stark verändert war. Und dieses in all den unzählbaren Details miterlebt zu haben, mündet nicht nur totale Begeisterung und Bewunderung aller Mitwirkenden, es führt auch zu einem gewissen Ausgeliefertsein an diese Musik, zu einer speziellen Dankbarkeit, aus diesen Abenden für sich selbst Energie in sich zu bunkern und sie frei abrufen und neu auftanken zu können. Der Schlüssel liegt einfach im Liveerlebnis. Fein, wenn man an zwei Tagen mitten im stets vollen Saal sein durfte.
Hermann
Konzertmitschnitt: I´d rather go blind









Kommentare
Keine Kommentare gespeichert