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Al Cook's Blues Spirits

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10. AN DIE GESAMTE BLUESSZENE !
Ein Brief zum Nachdenken

©Al Cook, 2001 - 2010

MEINE LIEBEN FREUNDE !

Letztens saßen mein Freund Tom und ich wieder gemütlich bei einer Schale Kaffee und besprachen, was so Allfälliges in Planung ist. Für mich war es wieder an der Zeit, etwas für's Internet zu schreiben, da kam er so nebenbei mit einem Thema daher, das ich eigentlich noch nie öffentlich behandelt habe, weil es mich eigentlich so gar nicht berührt. Aber heimgekehrt, war ich mir plötzlich bewußt, daß einfach ein ernstes Wort über dieses Thema gesprochen werden muß. Offensichtlich wird zur Zeit die Drogenproblematik unter den Bluesmusikern heftig diskutiert. Liebe Freunde, da vergeht mir aber jedweder Humor, auch der schwärzeste. Über Drogenkonsum zu diskutieren ist nicht nur müßig, sondern auch aus der Sicht jedes vernünftig denkenden Menschen absurd, denn da hört sich jedweder Spaß auf und es gibt nur ein Statement: Hände weg !!

Es ist mir klar, daß der Drogenkonsum bereits die ganze Welt erfaßt hat und dem organisierten Verbrechen Umsatzzahlen beschert, die somanches Bruttosozialprodukt ganzer Staaten bescheiden aussehen läßt. Man finanziert sogar Kriege damit und zwingt in dessen Folge oft ganze Völkerschaften nicht nur in politische, sondern auch in wirtschaftliche Abhängigkeit und letztendlich in den Ruin.

Ich frage Euch nun: Wollt ihr wirklich Teil dieses globalen Verbrechens an der Menschheit werden und mit Eurem sauer verdienten Geld den Drogenbaronen noch ein paar Villen, Yachten und Nobelhuren finanzieren. Wer von denen schert sich, wenn Ihr Euer Leben, Eure Familie, ja Eure Gesundheit und schlußendlich Eure Existenz zerstört, weil Ihr aus dem Bannkreis der Sucht und der Abhängigkeit nicht mehr herauskommt. Nicht einmal einen Kranz bekommt Ihr von den Drogenkartellen. Sie suchen sich über Schwächlinge immer wieder Wege an noch Schwächeren zu verdienen und was tun sie dann mit diesem Geld.......? Was sind das für "Menschen", die ihren Reichtum auf dem Leid von Millionen aufbauen und wissentlich Tod und Elend verbreiten. Wollt Ihr, daß das so weitergeht, nur weil ein paar Szenegurus und Unterdealer Euch glauben machen wollen, daß Ihr durch Drogenkonsum besser musiziert, oder ungeahnte Inspirationen aus Euch herausholt. Wer solch einen Schmarren ernstlich glaubt, dem ist wohl wirklich nicht mehr zu helfen. Merkt Euch eines: Was nicht in einem steckt, kann weder durch Prügelpädagogen und noch weniger durch Rauschgift hervorgeholt werden. Entweder man hat Talent, oder keines.

Dazu möchte ich in eine Zeit zurückgehen, die die meisten von Euch nur vom Hörensagen oder aus dem Nähkästchen ergrauter Althippies kennen. Mitte der 60er, als man bei uns zum ersten Mal der Beatles und Rolling Stones gewahr wurde, lernte man durch sie auch den Genuß von Rauschmitteln kennen, die offensichtlich integraler Bestandteil einer neuen Jugendkultur waren. Bestimmte Stile von Popmusik konnte man offenbar erst dann genießen, wenn man sich mit allerlei Stimulantien auf die richtige Wellenlänge gebracht hatte. Da das Kontingent an Rauschmitteln wie Haschisch oder Halluzinogenen wie LSD und dergleichen noch nicht in ausreichender Menge vorhanden war, versuchte man es in der Wiener "Burenhäutlszene"(sprich: Schmalspur..) mit Appetitzüglern wie Menocil oder Mirapront, während als Speed noch ein Weckamin namens Captagon verwendet wurde. All diese Medikamente haben eines gemeinsam, sie affektieren das Zentralnervensystem. In Überdosen konsumiert, produzieren sie je nach Persönlichkeitsstruktur Glücks- oder Überlegenheitsgefühle und diejenigen, die es als erste ausprobierten, waren Leute, die sich der Gilde der Künstler zugehörig fühlten. Sie waren nicht den Streßkonventionen der sogenannten "normalen bürgerlichen Gesellschaft" unterworfen, also konnten sie sich im Ernstfall ein paar Tage unter der Bettdecke gönnen. Als nüchterner Mensch, der weder rauchte noch trank und von der aufkommenden "Kulturrevolution" nur Abscheu empfand, erschienen mir diese Pulverfresser wie ausgeflippte Idioten, die glaubten ihr Bewußtsein mit diesem Zeug erweitern zu können. Was passierte, war eher mit Bewußtseinsverirrung zu beschreiben. Sie verfielen in absolut nicht mehr nachvollziehbare Subjektivität und produzierten eigentlich, sofern sie Musiker oder Maler waren, durchwegs schizophrenen Schrott. Bald aber hielt mit dem Advent der Hippiebewegung 1967 der Konsum eines der fürchterlichsten Halluzinogene der Geschichte Einzug, das Lysergsäurediamid, kurz LSD genannt. Während des Dritten Reiches vom Großdeutschen Geheimdienst als C-Waffe erzeugt, aber nie eingesetzt, lag das Zeug bis in die frühen 60er auf Eis. Irgendjemand hat das aus dem Mutterkorn derivierte Extrakt als "bewußtseinserweiternde" Droge entdeckt und es als Element in die erwachende Popkultur integriert. Ich habe das Zeug nie angerührt, weil ich von Bekannten die grausigsten Berichte über dessen unberechenbare Effekte gehört hatte. Was mich aber am meisten ärgerte, war die Tatsache, daß man Typen wie die Beatles oder sogar die Rolling Stones als Vorbilder für die Jugend aufbaute. Was faszinierte junge Menschen an den rauschgiftzerfressenen Primatengesichtern von Keith Richard oder Mick Jagger oder am Tod somancher talentierter Künstler wie Jimi Hendrix. Jedes Jahr verstarben eine Handvoll Stars an den Folgen immer härter werdender Drogen. Man schoß sich Heroin, schnupfte Koks und schluckte alles, was nur irgendein Rauscherlebnis versprach. Das harmloseste war noch Haschisch, das die Modedroge der Love-And-Peace Generation während der legendären drei Tage von Woodstock war. Vertrauliche Berichte setzten mich in Kenntnis, daß der Hippie- und Woodstock-Kult über Hintermänner vom CIA gesteuert worden war, um den wachsenden Zorn der jungen Generation gegen den Vietnamkrieg zu dämpfen und dadurch unter Kontrolle zu bringen. Was aber nicht bedacht wurde, war die Tatsache, daß die sich etablierende Drogenkultur durch die weltweit einsetzende Poprevolution horrende Gewinne versprach. Seit den Tagen der amerikanischen Prohibition hat das organisierte Verbrechen nicht derartig an Handelsspannen verdient. Die Welt der Hippies wurde genauso enttäuscht, wie die Rock-Revolution der Halbstarken. Man war nicht mehr so dumm und versuchte mit Repressalien dagegen vorzugehen, man entmannte die Revolution, indem man ihre Symbolik und den Rest ihrer Komponenten vermarktete. Bob Dylan wurde zum Rüstungsaktionär und somancher Popstar legte sein Geld mittels undurchsichtiger Transaktionen in Aktien zweifelhafter Unternehmen an. Die Beschissenen waren die kleinen Fans und Möchtegern-Stars, die es den Großen gleichtun wollten und weil es in, cool, hip oder einfach chic war, sich von Drogen das Leben zerfressen zu lassen. Viele schlitterten in den Teufelskreis von Sucht und daraus resultierender Beschaffungskriminalität ab, man denke nur an Tony Wegas oder gab sich unbewußt den Goldenen Schuß, wie mein Freund Hansi Dujmic, der Jahre zuvor noch eine flammende Ansprache zum Drogentod von Jano Stoika hielt. Ich frage Euch: Ist so etwas notwendig, nur weil man gut drauf sein will ?

Man wird jetzt zurückfeuern und sagen: Alter, Drogen hat's immer gegeben. Billie Holiday, Chet Baker und eine ganze Latte anderer Jazzer waren auf Dope. Das weiß ich und ich entschuldige das auch nicht, aber es ist in gewissem Sinne nachvollziehbar. Was Billie Holiday betrifft, weiß ich, daß sie als hellhäutige Schwarze für Weiße zu schwarz und für Schwarze zu weiß war. Ihr "Daddy" war eine Sau von einem Zuhälter, der auch aus ihren Konzerten herausgepreßt hat, was das Zeug hielt. Als sie eines Tages zusammenbrach, verabreichte er ihr den ersten Schuß. Das ließ sie auf eine Weile durchhalten, aber Ende der 50er verstarb sie dennoch mit 46 unter Qualen und vom Heroin zerfressen. Damals versuchten die meisten Musiker, die ständig am Rand des Nichts lebten, ihren Streß zu betäuben. Letztendlich schmiß man sie in die Kiste und ab auf den Friedhof der Namenlosen. Wenn da nicht ein paar Jazz- oder Bluesfans gewesen wären, kein Schwein hätte sich um diese armen Teufel gekümmert. Den guten alten Elvis hat ebenso der Drogenteufel geholt. Pillen zum Einschlafen, zum Aufstehen, zum Wachbleiben, für's Töpfchen und für hundert andere Dinge. Wie einst Hank Williams schluckte Elvis Amphetamine wie der Hustinettenbär und nebenbei fraß er sich auch noch in einen Rausch, daß am Ende sein Darm nur mehr ein verschmierter Gummischlauch war und seine Körperschlagader abdrückte. Das Foto, das Ihr beim Anwählen meiner Homepage seht, ist deshalb mein Lieblingsbild, weil ich da wie Elvis mit 23 aussehe, aber in Wahrheit schon 45 war, also den Guten schon um drei Jahre überlebt habe. Auf meiner CD "Victrola Blues" und auf "The White King Of Black Blues" bin ich sogar 48. Heute kämpfe ich bloß altersbedingt mit leichten Gewichtsproblemen, aber sonst bin ich gesund. Also so sieht man aus, wenn man sich nicht mit der Rauschpartie einläßt.

Meine Einstellung zur Droge ist also eindeutig. Ich kann mir vorstellen, daß ich mir vielleicht mit meiner Verteufelungstaktik ein paar Feinde unter den Musikern mache, aber dieses Risiko gehe ich ein, denn es gibt keine Gnade und kein Verständnis für den Drogenkonsum und dessen Akzeptanz als Teil unseres gesellschaftlichen Lebens. Galt in früheren Zeiten noch die Ausrede, man habe die Folgen noch nicht einschätzen können, weiß heute einfach jedes Kind, wo der erste Schuß hinführt. Also die Verantwortung tragen der Produzent sowie der Konsument gleichwohl. Jeden Tag sind die Medien voll von Tragödien, die der Rauschmittelkonsum verursacht, also es gibt einfach keine Ausreden. Man bietet sogar Schulkindern Drogen an und keine Behörde ist noch auf die Idee gekommen, Anzeigepflicht einzuführen. Ich weiß auch, daß man im Regelfall nur die armen Scheißer und die Naivlinge, sowie die Beschaffungsdealer faßt, denn die Großen kaufen sich die Justiz und keiner kann den seriösen Geschäftsleuten etwas beweisen. Die beste Methode, dieser Drogenpest Herr zu werden, ist NEIN zu sagen.

Der zweite Komplex ist der unter den Musikern ungebrochene Irrtum, daß man ohne Fusel kein echter Bluesman ist. Ich gebe zu, daß ich in meinem Leben schon an die zehnmal stockbesoffen war. Das ist für 57 Lebens- und 38 Bühnenjahre nicht sehr viel, aber mir reicht es. Jahrzehnte trank ich überhaupt nichts, weil mir der kalte Schweiß ausbrach, als ich hörte, daß nach jedem Vollrausch Millionen Gehirnzellen zerstört werden. Ich weiß nicht, wieviel Gigabyte ich noch im Schädel habe, aber die will ich mir erhalten. Ich weiß genau, daß fast die gesamte Riege meiner Bluesidole am Suff oder an Geschlechtskrankheiten zugrunde gegangen sind. Man denke nur an Tommy Johnson, der Schuhpolitur wie Limonade getrunken hat, oder Leroy Carr, der Komponist des How Long Blues, der mit 30 den Löffel abgegeben hat. Albert Ammons, ein Mitglied des berühmten Boogie-Woogie Trios starb 1949 am Alkohol und hunderte vor und nach ihnen. Das Argument der Giftfuzzis, daß Alkohol sozusagen nur eine legalisierte Droge sei, durch die mehr Menschen umgekommen sind als durch Heroin, stimmt nur auf den ersten Blick. Ich möchte hier nicht als Apologetiker der Fuselphilosophie auftreten, aber man bedenke, daß noch immer mehr Menschen trinken, als sich die Nadel geben. Der zweite Aspekt ist die Tatsache, daß Alkoholismus im Regelfall eine genetisch determinierte Disposition ist, von der der Trinker erst Kenntnis erhält, wenn er sein erstes Glas hinter die Binde gegossen hat. Aber da sitzt er bereits im Karussell der Sucht. Viele Menschen aber sind nicht Suchtdisponiert und können ihr abendliches Bier zum Nachtmahl durchaus genießen. Bei harten Drogen wie Heroin ist man nach dem ersten Schuß unweigerlich süchtig und daran führt kein Weg vorbei.

Ein oft genannter Grund um zu Drogen und Alkohol zu greifen ist die Ausrede, man habe Probleme. Später kommt man dahinter, daß das Bubi oder Mädi vom Papa kein neues Computerspiel bekommen hat und dieser unerträgliche Frust muß natürlich niedergespritzt oder totgetrunken werden. Freunde hat man ja keine, denn wer Probleme hat, sei es auch welcher Natur, ist für die Clique untragbar und wirkt peinlich und uncool. Na ja, dann geht es eben ab in die Kacke. Die Eltern müssen für den nächsten Jamaika-Urlaub Kohle aufstellen und haben für den Nachwuchs auch keine Zeit, also wo flüchtet man sich hin....in die Droge oder in den Alkohol. Nachvollziehbar und unter krassen Umständen vielleicht sogar verständlich, aber schämt Ihr Euch nicht, so schnell aufzugeben. Unsere Generation, die wir am Ende des Krieges geboren wurden, hatten noch anderes durchzustehen, aber ich rede schon wie mein Vater, der mir vom 1.Weltkrieg erzählte und ich hörte dem "alten Spinner" auch nur mit einem Ohr zu, aber es war seine Wahrheit.

Ich hatte als sogenanntes "überbegabtes Kind", unter Proletariern aufgewachsen, die Hölle auf Erden. Von Ohrfeigenerziehung über Kindergrausamkeit in der Schule lernte ich als Lehrling und junger Arbeiter schmutzigstes Mobbing kennen, als dieser Ausdruck noch nicht einmal erfunden war. Als ich mich endlich an den eigenen Haaren aus dem Industrieproletariat herauszog und schließlich eine Chance hatte, durch meine Musik zu ein wenig Erfolg zu kommen, wurden meinem Vater beide Beine amputiert. Vorher schob ich noch meine Mutter im Rollstuhl. Als Jüngling von den Mädchen wegen meiner anachronistischen Einstellung zum Zeitgeist gemieden, schlitterte ich eine Art Soziophobie, die mir es fast unmöglich machte, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen. Schlußendlich hatte ich Glück und lernte meine heutige Frau kennen. Vor etwas mehr als 10 Jahren erkrankte sie und ich mußte wieder meine geplante Amerikareise absagen, weil sie einen Schlaganfall und kurz darauf einen Blinddarmdurchbruch erlitt, der ihr fast das Leben kostete........und ich habe mich weder regelmäßig betrunken, noch habe ich Drogen genommen und nun sage einer, ich habe keine Probleme. Ich will garnicht davon reden, daß ich zusehen muß, wie irgendwelche Pseudobluesler für ihre Machwerke einen Grammy nach dem anderen abräumen, während ich mir wie unlängst, den Arsch vor einem Haufen dumpfbackiger Fußballfans abspielen mußte. Wer aber ein Cook ist, den kratzt so etwas nicht, der flüchtet sich nicht in die Berauschung, der macht unverdrossen weiter. Die schönste Stimulanz für einen Musiker ist ein vielversprechendes Lächeln einer schönen Frau in der ersten Reihe und das Gefühl, mit seiner Botschaft das Publikum erreicht zu haben.

Das war's und denkt echt nach, was ich Euch heute zu sagen gehabt habe, denn ich weiß seit 38 Jahren,wovon ich spreche.

Ersterscheinugsdatum:11.3.2002
©Al Cook, 2001 - 2010 http://www.alcook.at

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Wir freuen uns sehr, daß sich Al Cook dazu bereit erklärt hat, uns eine regelmäßige Kolumne und Geschichten über den Blues zu schreiben, in welcher er uns alle an seinem nahezu unendlichen Erfahrungs - und Wissenschatz teilhaben läßt.