

Meine lieben Freunde !
Ich wollte eigentlich den ersten Teil meiner Kolumne DER BLUES MIT DEM BLUES schon vorige Woche abgeben, aber der Fall PAPA'S TAPAS schien laut Busy Tom schon unter den Fingern zu brennen. Was da herauskommt, wird die Zeit zeigen.
Wenn Ihr Teil 1 aufmerksam gelesen habt, werdet ihr verstehen, warum nun ein zweiter Teil folgt. In den frühen Morgenstunden des 5. Juli 2000 regnete es ein drastisch formuliertes E-Mail von Hermann Posch, die sogenannte "Bluesmafia" und vor allem mich betreffend. Es war mir immer klar, daß es eines Tages zur Konfrontation mit dem Freidenkerzweig der Bluesgilde kommen wird und daß ich als "Oberayatollah" wie eine Schießbudenfigur auf dem Präsentierteller sitzen werde. Na ja, wer sich exponiert, kommt eines Tages ins Kreuzfeuer herber, wenn auch in meinem Falle unsachlicher Kritik. Hermann Posch ist vielleicht der Einzige der sich getraut hat, das auszusprechen, was wahrscheinlich viele im Hinterköpfchen denken: Al Cook, der tyrannische Autokrat, der den Anspruch erhebt, ein Monopol auf die Wahrheit des Blues zu besitzen und wer nicht mitsingt, verdient es nicht Blueskünstler genannt zu werden. Vielleicht mache ich einen autoritären Eindruck, das macht mein Alter und meine 40jährige Erfahrung auf dem Gebiete des Blues, aber ich bin mit Sicherheit keiner von den verbohrten Bluesfaschisten, die ich mit derselben Vehemenz bekämpfe, wie die Falschmünzer, die einem einreden wollen, daß alles Blues sei, was sich nur nach gezogener Saite anhöre.
Ich habe dereinst im Glauben Aufklärungsarbeit zu leisten, meine Zeit und Erfahrung, sowie mein selbstgestaltetes Privatstudio der Vienna Blues Connection kostenlos zur Verfügung gestellt. Ich begrüßte es, daß unsere Bluesszene, deren einstiger Gründer ich war, endlich ein mediales Podium hat. Ich weiß es aus leidlicher Selbsterfahrung, was es heißt, in der Öffentlichkeit keine geeignete Plattform zu haben. Die jungen Klimperlinge die sich, kaum den Kinderschuhen entwachsen, auf eine Bühne stellen, wissen gar nicht was es heißt, an die zehn Jahre vor Wirtshauspublikum und anderen Banausen aufzutreten und den eingeschlagenen Weg bis zur "Vergasung" durchzuziehen. Dann heißt es lernen, lernen, bis die Birne raucht. An die zwanzig historische Bluesstile sich per Kopfhörer zwei Jahrzehnte ins Stammhirn zu dröhnen, bis man das ist, was man sein will. Und heute...?? dreimal kein Applaus und man spielt Wunschkonzert oder landet in einer No-Name Rockpartie und brennt Endstufen durch. Hauptsache die Kohle stimmt. Ich will das jetzt nicht jedem unterstellen, versteht mich nicht falsch, aber wer traut sich wie ich, zehn Jahre gegen den Mainstream zu schwimmen und ein Plattenprojekt mit Eric Clapton abzuweisen.....so geschehen 1970 bei Amadeo-Records. Da rede noch einmal jemand von "Futterneid".
Aber das ist jetzt nicht das Thema. Vielmehr verwundert mich die Tatsache, daß es mir nach fast 40 Jahren nicht gelungen ist, gegen den Etikettenschwindel mit dem Blues etwas auszurichten. Nein, man verteufelt mich noch dafür, daß ich die Grenzen zu Pop und Kommerzkitsch abzustecken versuche. Ich weiß, daß das noch keiner vor mir durchgezogen hatte. Es gibt Leute, die ihre Privatmeinung zum öffentlichen Dogma machen. Das habe ich nie getan, denn ich weiß, welche Verantwortung man als exponierte Person öffentlichen Interesses hat. Das schert aber die Geschäftemacher der Popindustrie wenig. Sie verkaufen ihren falschen Schmarren weiter und machen die Masse das glauben was sie für Blues halten, oder was sie unter diesem Namen verkaufen wollen.
Ich gebe zu, daß sich der normale Hörer eher mit Clapton, Johnny Winter oder Robert Cray identifizieren kann, als mit Blind Lemon, Charley Patton, oder Tommy Johnson. Also ist es demzufolge Blues oder auch Blues, was sich auf dem Rocksektor tut. Wer das bezweifelt und sei das noch so fundiert, läuft Gefahr, von den Freidenkern als intoleranter Knilch abgestempelt zu werden. Aber wo hört sich die "Toleranz" auf. Was ist Toleranz.. Als ehemaliger Mechaniker weiß ich, daß sich der Begriff Toleranz durch die sachspezifisch zulässige Abweichung vom Sollmaß definiert. In unserem Falle also heißt das....wenn alles Blues ist, brauchen wir ja auch den Begriff der Toleranz nicht, also muß irgendwo die Grenze liegen. Da haben wir also den Knackpunkt. Jeder glaubt was anderes.
Nun wenn alles Blues ist, wozu schuf man dann die Ausdrücke Pop, Funk, Rock, Klassik, Folk, Ethno und was es sonst noch alles gibt. Weil wir Bezeichnungen brauchen, die uns die Stile eindeutig unterscheiden lassen. Das Eine ist nicht schlechter als das Andere. Betrachtet man unser Genre etwas genauer, unterteilt sich der Blues noch in zehn weitere Untergattungen. Deswegen ist Blind Lemon nicht schlechter als Charley Patton oder Muddy Waters. Die großen Sängerinnen des sogenannten Klassischen Blues, wie Ma Rainey und Bessie Smith hatten mit den Vorgenannten auch fast nichts gemeinsam. Oft waren sie noch der Tradition des Vaudeville (Schaustell-Theater) verbunden und sangen oft mit fast operettigen Stimmen, aber kein Mensch hätte diese Damen als Soubretten bezeichnet.
Geht man ins Gebiet der Anthropologie, stellt man fest, daß der Schimpanse und der Mensch 99,5 % der Genstruktur gemeinsam haben, aber keiner würde auf die Idee kommen, einen Schimpansen als menschliches Wesen zu identifizieren. Ach, solch eine Intoleranz....Also warum macht man das beim Blues ????
Ich entscheide bei Gott nicht, was Blues ist und was nicht. Die Kriterien ergeben sich von selbst aus der Kultur aus der sie hervorgegangen sind und danach habe auch ich mich zu richten. Ich weiß, daß ich das Weltbild somancher Musiker durcheinandergebracht habe, aber auch ich mußte erkennen, daß Elvis ein lausiger Gitarrespieler war......ich bin trotzdem ein Fan geblieben, wenn auch ein sehr kritischer, der seine Entwicklung ab 1960 nicht mehr goutiert hat. Er hat einfach nicht mehr das gemacht, wofür sein Name gestanden hat....eben für Rock n Roll. Er wurde schlicht zum Las Vegas Kommerz.....tut mir leid, aber es ist so. Ist das nun bornierte Intoleranz, oder vertrat er in Euren Augen noch immer die klassische Rock n Roll Kultur.
Dann kommt noch das Problem des Zugangs zum Blues. Ich habe meinen Zugang nicht, wie oft kolportiert, durch den Rock n Roll erfahren. Wenngleich er auch einen ethnologischen Konnex zum Blues hat, der der Popkultur abgeht, war es bei mir eine unabhängige Parallelerfahrung. Das ersparte mir, mich zuerst durch Pseudoware durchzuarbeiten. Ich weiß nur zu genau, daß die Generation nach mir den Blues über die Stones-Clapton-Mayall Schiene kennengelernt hat, also über den Britpop. Der springende Punkt aber ist der, daß sich diese Jahrgänge, nachdem sie zum Blues gefunden haben, nie mehr ganz von ihren Popkrücken trennen konnten.
Warum ich die sogenannte Popkultur als Basis zur Blueskunst für ungeeignet halte, hat bei Gott nicht den Grund, daß ich kein gutes Haar an deren Exponenten lasse. Meine gestörte Beziehung zum Pop bleibt Privatsache und bildet keine Grundlage für meine offizielle Meinung. Es ist mehr die Erfahrungstatsache, daß die Popmusik, so wie wir sie heute kennen, vom Blues fast 80 Jahre entfernt ist. Als zu Beginn der 60er die Musik zu swingen aufgehört hatte, brach die für Bluesbegriffe unfamiliäre britische Popwelle durch die Beatles los. Hatte der Rock n Roll der 50er noch eine klar erkennbare ethnologische Bindung zur Bluesgeschichte, kann man Pop-Art und Pop-Music nicht mehr dazuzählen. Natürlich gibt es Leutchen wie meinen Schlagzeuger Harry Hudson, der Elvis und die Beatles mühelos unter einen Hut kriegt. Für mich ist das, wie wenn sich der Teufel mit Weihwasser besäuft. Das ist aber ein ebenso gravierendes Problem für mich. Die meisten Menschen betrachten Musik nur als eine Art Konsumgut oder als Aneinanderreihung von Tönen, die eben gefallen oder nicht. Ich begreife Musik vor allem über die Kultur und die Zeit in der sie lebendig gewesen ist. Aus diesem Grunde kann ich mich auch nicht für abendländische Klassik begeistern, denn ich kann nicht nachvollziehen, wie man zu Zeiten Mozarts gelebt hat. Das ist auch der Grund, warum ich mich schaudere, wenn ein heutiger Rock-oder Popmusiker sich an einen Stoff aus den 20ern bis 50ern heranmacht. Da kann nur ein Schmarren herauskommen. Der Fachausdruck dafür heißt Retro-Pop.
Der nächste Vorwurf, den ich immer zu hören bekomme, ist meine angebliche Abneigung gegen elektrische Gitarren. Wer sagt das ?? Ich spiele selbst verstärkt. Da solltet Ihr einmal die Akustikfreaks kennenlernen. Übrigens ist der von mir sehr geschätzte Hound Dog Taylor einer der wildesten Chicagoblues-Künstler auf der Overdrive-Gitarre. Was mir aber auf den Geist geht, ist diese popige Saitenjammertechnik und diese endlosen Onaniesolos, die keinen erkennbaren Anfang und kein auszumachendes Ende haben und ohne Dynamik und Sinn, bis zum Umfallen totgespielt werden. Aber vielleicht ist das die moderne Form der klassischen "Breakdowns". Also sich in Trance zu geigen stammt wohl aus der schwarzen Tradition, aber die haben anders gespielt.
Was zur Weiterentwicklung und Veränderung des Genres Blues zu sagen wäre, sei hier kurz umrissen...... Natürlich erfährt jede Kunst ihre zeit- und kulturbedingte Veränderung. Ende der 20er starb der Vaudeville Blues aus. Mit der Depressionszeit war's mit dem archaischen Country-Blues vorbei und der letzte wandernde Bluessänger war der fälschlich als Father Of Rock n Roll dargestellte Arthur "Big Boy" Crudup. Nach den Washboard Bands kamen nach 1945 die R&B Combos. Muddy Waters spielte kurz danach auf seiner Telecaster 1947 eine der interessantesten Post-War Sessions ein. Mit der Urbanisierung des Blues setzt auch dessen industrielle Kommerzialisierung durch die weiße Rock n Roll Kultur ein. Aus verschiedenen Richtungen fließen Swing und Bluegrasselemente in den Rock n Roll und dessen Derivate. Doch was auch immer mit dem Blues geschieht, es ist ein deutlicher Faden zu den Wurzeln erkennbar. Dann aber.....macht die schwarze Bürgerrechtsbewegung ein Ende mit "Onkel Tom" und der Blues geriet nicht nur in Vergessenheit, sondern wurde mit der Figur des "Po' Buckra" auf die Deponie schwarzer Kulturgeschichte geworfen. Die Soul-Funk-Hip-Hop-Rap und sonstige Bewegung bewegt sich bewußt von den Wurzeln weg. Man will vom Blues und seiner servilen Semi-Sklavenmentalität nichts mehr wissen Daher übernehmen die Weißen und tragen den Blues auf ihre Art weiter. Er lebt in der Post-Sixties Ära nur noch als Sujet für Rockgags weiter. Der Rest ist Repro-Blues oder in Verehrung historischer Vorbilder erstarrender Revivalismus. Ich habe aber nie dazugehört, denn meine Mission war seit jeher von der Absicht getragen, den authentischen Blues als populäre Kunstform und mich als lebenden Blueskünstler zu etablieren.
Nun, was ich in Bezug auf den Blues Train zu sagen habe, sei hier kurz umrissen.
Ich habe diese Sendereihe nicht als Plattform für wurzellose Selbstdarsteller mitgestaltet, denn sonst müßte man die Sendung "Weltmusik Für Alle" nennen und blues.at zur live wire.at umfunktionieren. Ich bürge außerdem mit meinem hart erarbeitetem Namen und muß für alles was da produziert wird, geradestehen.
Ich kann mir vorstellen, daß es viele Debutierkapellen gibt, die sich unter dem Label Blues eine Karte für den Bluestrain sichern wollen, um mir dann Querbeetmusik unterzujubeln. Da muß ich mich, so leid es mir tut, auf die Hinterbeine stellen.
Ich schätze niemanden gering und habe für ehrliche Musiker und deren Engagement und Integrität immer Achtung gehabt, aber Lug, Trug und Diplomatie sind mir nie gelegen.
Ich bitte Euch daher, Wünsche und Beschwerden nicht im kleinen Kämmerlein und hinter meinem Rücken kundzutun, sondern den persönlichen Kontakt zur Bereinigung von Mißverständnissen in Erwägung zu ziehen.
The Blues Never Dies
EPILOG
Widmung an Hermann Posch
Von Al Cook
Lieber Hermann.
Ich schätze es, wenn es im Blätterwald der VBC endlich einmal rauscht. Die Konfrontation zweier derartig konträrer Weltanschauungen war nur mehr eine Frage der Zeit. Ich kann Dir versichern, daß ich Dich deswegen nicht geringer schätze, im Gegenteil, Du hast aus dem Bauch reagiert und Dich geäußert. Der Rest meckert wahrscheinlich mit vorgehaltener Hand beim Musikerkränzchen. Ich habe durch die Verwendung meist bissigen Humors die Gemüter in Erregung zu versetzen versucht. Klar habe ich die Möglichkeit, ein mediales Forum zur Verfügung zu haben, genutzt, um in "Good Will" Aufklärungsarbeit zu leisten. Aber das kann man nicht im Journalistengewande eines Hausfrauenblattredakteurs machen.
Ich weiß, daß man mit zunehmendem Alter ungeduldiger und intoleranter wird, aber es sind die Dinge, die einen schon immer gestört haben, nur man ist nicht mehr bereit zu schlucken, oder wegzustecken. Ich gehe auf die 60 zu und habe das Gefühl, meine Mission bis zum runden Geburtstag zurchgezogen zu haben. Der Dank des Vaterlandes schleicht mir aber mit müden Gliedern immer langsamer hinterher und die neuen Generationen sind immer schwerer zu erreichen. Sie bauen ihre Häuser erst vom 10. Stock an auf, weil ihnen die Geduld für das Studium der Statik abgeht und das beginnt beim Fundament. Die Spaßgesellschaft will Kick und Bock und ist nicht mehr bereit für Überzeugungen zu leiden. Da muß die Post abgehen und wenn's nicht knackt, funkt und volles Rohr gibt, schnarcht die Bande ein. Jetzt verstehst Du, warum wir heute beim DJ Ötzi gelandet sind und die erbauende Schönheit des Country-Blues draußen am einsamen Feld nicht mehr spüren können. Der moderne Mensch hat Angst, mit sich allein zu sein, weil er sonst seine innere Leere zu spüren bekommt. Das ist auch der Sinn, daß der heutige Blues mit dreistelligem Dezibelwert gespielt werden muß. Du hast recht, wenn Du sagst, daß der Blues heutzutage anders ausgedrückt wird. Dagegen habe ich auch nichts, wenngleich mir als Privatperson das Ohrenschmalz sauer wird. Da siehst Du, daß es nicht der liebe Hermann ist, den ich "hasse", weil er mit verzerrter Strat spielt. Es ist unsere oberflächliche, schematisierte, lärmend-aggressive Kultur, die mich krank macht. Erst in späteren Jahren habe ich nachgedacht, was mich denn an der Musik ab den 60ern so stört. Es war nicht die Musik....es war die Kultur in ihrer Ganzheit. Und Ihr seid schon darin geboren. Also meinerseits kein Vorwurf.
Ich habe es geschätzt, mit Dir zu jammen, denn ich weiß, daß Du Dich ernstlich mit den Dingen auseinandersetzt. Also, ich hätte Dich gerne in unserer Sendung gehabt. Wir mußten nur wegen Axel Zwingenberger kurzfristig umdisponieren. Meinerseits ist alles in Ordnung. Vielleicht sehen wir einander einmal wieder und dann trinken wir ein Bier und sprechen miteinander. Laß mir Jürgen herzlich grüßen und ich wünsche ihm alles erdenklich gute für seine zukünftige Vaterschaft und viel Freude mit dem Nachwuchs.
Dein Freund COOKSIE
AL COOK ist nun auch wieder auf Blues.at zu finden!
Wir freuen uns sehr, daß sich Al Cook dazu bereit erklärt hat, uns eine regelmäßige Kolumne und
Geschichten über den Blues zu schreiben, in welcher er uns alle an seinem nahezu unendlichen Erfahrungs -
und Wissenschatz teilhaben läßt.