
Wie so vieles in meinem Leben startet alles, oder zumindest das Meiste durch die Muse des Zufalls. Es begann vor kurzem, als ich ein paar Retourpakete zum Postamt Südbahnhof brachte. Nachher führt mich mein Heimeg an einem Zeitschriftenshop vorbei, in dem ich Computerheftchen oder Bücher schmökere und fallweise auch etwas kaufe.
Zufällig wechselte ich von der PC Abteilung zur Musik. Was springt mir da ins Gesicht...Das Konterfei meines speziellen Freundes Eric Clapton als Hochglanzcover. Die Zeitschrift hieß "Uncut" und versprach eine tolle Coverstory. Ein sogenanntes In-depht-Interview mit der meistdiskutierten Persönlichkeit des weißen Blues. Nein, dafür zahle ich keinen Cent, daß ich mich wieder über die journalistische Beweihräucherung eines Nicht-Blueslers ärgere. Ich wollte schon von dannen ziehen, da nahm ich das Heft vom Regal und öffnete es. Darin stand aber Interessantes, das mir noch nicht bekannt war und ich berappte die paar Euro und nahm das Magazin mit nach Hause. Als meine Frau das Cover sah, fragte sie mich, ob ich ein verkappter Masochist sei, der geil aufs Ärgern ist, oder ob ich in Wahrheit ein Fan bin. Nein, Ihr könnt beruhigt sein, ich bin keins von beiden. Es war mir so danach, mich gründlicher zu informieren, bevor ich mich noch einmal über Eric Clapton äußere. Vielleicht tue ich ihm unrecht und er ist ein überzeugter Bluesman, aber dagegen spricht seine Karriere als Rock und Popmusiker. Also setzte ich mich hin und begann zu lesen.
Plötzlich öffnete sich die Seele dieses Mannes und siehe da, zu Beginn seiner Laufbahn war er mir nicht unähnlich. Clapton gestand,daß er zu Beginn seiner Tätigkeit bei den "Yardbirds" ein ungemütlicher, unguter Kerl war, der ständig gegen das Bandkonzept querulierte und als hardcore-fan von Big Bill Broonzy und Robert Johnson das Beatleslike-Image und die Mop-Top (Pilzkopf) Mode nicht mitmachen wollte. Kurzerhand warfen sie den Querulanten, der entgegen der herrschenden Mode mit Crew-Cut herumlief unbarmherzig aus der Band. Clapton lächelt milde und meint, er sei eigentlich nur aus Loyalität bei den Yardbirds geblieben und hätte es ihnen leicht gemacht, ihn loszuwerden. Damals waren die Beatles und die gesamte Mersey-Beat Gang noch in den Kinderschuhen gewesen und man hätte sich dann doch für die Fab Four entschieden. Der Rest ist Musikgeschichte.
Ich konnte zu dieser Zeit noch nicht spielen und zog mir Elvis 1956 rein, bis mir die Ohren schlackerten. Vom Blues hatte ich keine Ahnung, denn es gab vor Johnny Parths Roots-Records noch keinen heimischen Zugang zur Afro-Amerikanischen Musik. In England kam 1961 das legendäre Debutalbum von Robert Johnson heraus, das Eric mit zitternden Händen auf den Plattenteller legte und ihn bis heute nicht losließ. Eric Clapton ist ein paar Monate jünger als ich, begann aber bereits mit 15 zu spielen. Da er die Beatles seit Beginn persönlich kannte, begeisterte er sich erst einmal für die sogenannte "Skiffle-Music", eine Art Jug and Washboard Musik, dessen Galionsfigur der rassistisch angeschlagene Lonnie Donegan war. Lennon und Mc Cartney führten seit 1955 eine Skiffle-Partie an, deren Publikum aus rebellisch-progressiven Jazzfans bestand, die die ersten waren, die Bärte oder längere Haare trugen. Ich habe aus dieser Zeit noch "Bravo" Hefte, wo ernstlich die Frage gestellt wurde, ob nun die Skiffle-Mode den Rock n Roll verdrängt oder nicht. Doch die Beatles hatten bereits während ihrer Hamburger Zeit den Virus in sich, der sie zu dem machte, was man mit ihrem Namen assoziierte.
Clapton geigte sich jahrelang durch die Pubs und spielte Big Bill, bis er sich halbherzig den Yardbirds anschloß, mit denen er ein paar Platten machte, die ihn aber nicht befriedigten. Die Yardbirds wollten Publikumsgefällig sein und richteten sich wie eine Wetterfahne nach dem Wind aus Liverpool. Das ärgerte Eric und er wußte nicht, wie er es einrichten sollte, daß ihn die Band aus ihren Klauen ließ. Damals, glaube ich, wären wir vielleicht gute Freunde geworden. Mittlerweile formierte sich um den Bluespatriarchen Alexis Korner eine Gruppe, die später den Kern der British Blues Connection bildete. John Mayall, Mick Jagger und die embryonalen Stones, Eric Burdon und was so alles aus dem Ei kroch. John Mayall, Jahrgang 1933 spielte den Vater und das Sprungbrett zur Populärmusik. Mit ständig wechselnden Besetzungen produzierte er ziemlich temporäre Konzeptplatten, die aber den meisten Musikern das richtige Image verpaßten, um selbst zu Weltstars zu werden. Bei uns ist soetwas bis heute unmöglich, weil wir einfach aus unerklärlichen Gründen international nicht ernst genommen werden. Die Anglo-Amerikanische Vormachtstellung in der Musikszene ist auf Grund der bornierten Arroganz seiner Macher und der dummen Sturheit des Massenpublikums nicht zu durchbrechen.
Wer sprayte bloß CLAPTON IS GOD auf Hausmauern und Plakatwände? Mr.Slowhand nahm mit Jeff Beck ein elektrisches Gitarrenduett auf, das ich auf Band habe. E.C. spielte bedächtige Phrasen zu Becks metronomgenauer Monotonie. Die Nummer klang wie eine Gehschule des Blues, in der sich zwei Babies ständig am Taktgitter festklammern, um nicht umzufallen. Da es keine ernstzunehmenden Bluesmusiker in Europa gab, waren die Protagonisten der British Blues Connection schlußendlich die bestaunten Götter.
Während dem Indientrip der Beatles und der Geburt der Hippie- und Psychedelicbewegung in San Francisco schlitterte Eric Clapton durch seinen Freund George Harrison in die Welt der Drogenkultur. Ich glaubte damals, daß Clapton ein Weichei war, das nicht nein sagen konnte, oder bloß neugierig war und wie so viele geglaubt hat, daß LSD und später Heroin ungeahnte Inspirationen produzieren würden. Bei uns war Charly Ratzer einer der ersten, die dasselbe geglaubt haben, aber er hat eine Zeit lang bewiesen, daß man auch ohne an der Nadel zu hängen, ein Gitarren-Titan sein kann. Mir schmeckt nicht einmal eine Milde mit Filter, geschweige denn ein Joint oder was es da an Shit gibt.
Den großen Wurf machte Clapton, als eines Tages Ginger Baker, ein beinhart geschäftstüchtiger Schlagzeuger anrief und ihm das Konzept eines elektrischen Power-Trios schmackhaft machte. Als Muster diente das Trio von Buddy Guy, einem der ganz Großen des modernen Chicago Blues. Das schmierige Verzerren elektrifizierter Gitarren, das zum Markenzeichen postmoderner Rockmusik wurde, war eigentlich einem Unfall in der R&B Geschichte zu verdanken.
Als der noch damalige Pianist(!) Ike Turner 1951 mit seinen Delta Rhythm Kings nach Memphis zu Sam Phillips SUN-Records losbrauste, landete das Bandauto im Straßengraben und der Speaker des Gitarrenverstärkers bekam einen Riß. Man stopfte den Verstärker mit Zeitungspapier aus und drehte ihn auf Maximum. "Rocket 88" kam mit seiner verzerrten Boogiefigur als erster Rock n Roll Hit in die R&B Charts. In den Juke Joints der Chicagoer South Side spielten die emigrierten Landeier aus dem Süden Country-Blues. Doch mit Akustikgitarren konnte man sich in der lärmenden Großstadt nicht mehr durchsetzen. Als gegen Ende der 40er die ersten elektrischen Gitarren auftauchten, gab es auch die Verstärker dazu zu kaufen.
Natürlich schafften die im Höchstfall 15-20 Watt und dann begannen die Röhren bereits zu spucken. Man drehte die Amps grundsätzlich bis zum Anschlag auf und schlug in die Gitarren hinein, was das Zeug hielt. Die Lautsprecher waren aber solchem Output nicht gewachsen und übersteuerten hoffnungslos. Gitarren klangen wie überblasene Saxophone und die ersten E-Bässe machten den Eindruck lungenkranker Fagottbläserei, während die Mundharmonikas wie Dino-Elefanten röhrten. Dazu sang beispielsweise Howlin Wolf in ein Bahnhofsmikrofon. Der Sound war schrecklich, aber er faszinierte durch seine unbändig primitive Wildheit. Die Plattenaufnahmen klangen in der Regel zahmer, aber es sollte noch einige Jahre dauern, bis der Overdrive-Sound zum Stilelement avancierte.
Wenn damals ein Verstärker verzerrte, ließ man ihn schleunigst reparieren, denn man empfand solchen Sound als kaputt. Verstärker hatten bloß die Funktion, sich akustisch durchzusetzen. Später überdrehte man die Vorstufen derart, daß aus dem Lautsprecher statt einer Gitarre nur mehr ein schmieriges Gebrüll herauskam. Die Gitarrensaiten wurden immer dünner und gaben erst nach entsprechender Verstärkung etwas her. Man konnte sie zwei Ganztöne hochziehen, um Klänge wie jaulendes Babygeschrei zu erzeugen.
Riley B.King, der Pionier der modernen Bluesgitarre war seit den frühen 50ern ein Meister des melodiösen Stringbending. Die wenigsten wissen aber, daß er diese Technik aus einer Notlage heraus entwickelte. B.B.King wollte wie sein Cousin Bukka White Slide Guitar spielen und schaffte es einfach nicht. (O-Ton B.B.King). Durch ziehen der Saiten hoffte er, den gleichen Effekt zu erzielen, was natürlich unmöglich war, weil Gleiten und Dehnen zwei Paar Schuhe sind. Und doch...wenn ein Bluesman die Saiten zieht und ein Rock- oder Popmusiker dasselbe tut, kommt einfach etwas anderes heraus. Es verhält sich genauso, wenn ein Klassikflüchtling Boogie-Woogie spielt....es ist einfach nicht das Gleiche. Genau da hört sich die Sensibilität des Musikjournalismus auf, denn das ist nämlich die Lösung des Etikettenschwindel-Problems.
Doch nun wieder zu Eric Clapton.
Offensichtlich kam der moderne Chicago-Blues beim breiten Publikum besser an, weil er ab den 60ern mit Soulelementen unterlegt wurde. Nach der klassischen Rock n Roll Ära änderte sich das Rhythmusgefühl vom 2/4 Gefühl zu komplizierteren Synkopen.(Bumm-bumm tschack, bumm-bummbummbumm tschack).
Der Bluespurist Eric Clapton stand also am Scheideweg zwischen Authentizität und Popularität. Während es für Al Cook keine Frage gab, entschied sich E.C. bei Ginger Baker's Cream einzusteigen. Er tauschte die Bluesgitarre gegen eine Stratocaster, den Anzug gegen bunte Psychedelic-Fummel und gab sich einen Trip nach dem anderen. Der Obergiftler aber war Ginger Baker, den Clapton erst erpressen mußte, Jack Bruce als Bassisten zu engagieren. Ginger war ein hohlwangiger, rotschopfiger, bärtiger Longinus mit Spinnenbeinen und leichtem Überbiß. Doch Clapton hatte Angst vor ihm, weil er durchs Gift immer verrückter wurde.
In einer Weise hatte Eric Clapton die richtige Entscheidung getroffen, denn ohne Cream wäre er nie zur Legende geworden, als die man ihn heute feiert. Das Konzept der Cream bestand darin, daß keiner der Musiker zur bloßen Begleiterrolle degradiert wird. Sogar Jack Bruce spielte komplizierte Baßlicks, die sich mit Claptons charakteristischen Gitarrenriffs perfekt ergänzten. Zwischen Pophits wie "Sunshine Of your Love", "White Room" oder "Politician" mischte er immer wieder klassische Bluesnummern von Robert Johnson, Skip James oder Blind Joe Reynolds darunter. Der Superhit aber war Robert Johnson's "Cross Road Blues". Eric zerlegte die Nummer in seine Einzelteile, tauschte eine Strophe aus und montierte das Ganze zu einer groovigen Rocknummer zusammen, bei der er sich an der Gitarre bis zur Vergasung austobte. Er spielte Halbstundensolos, die bereits an Onanie grenzten und offensichtlich eine Folge ständiger Rauschtrips waren. Spielte er so exzessiv, weil er das Gitarrengejaule satt hatte, aber Kohle für seine Sucht aufstellen mußte? Warum hatte sich der Purist Eric Clapton zu solchen Vergewaltigungsorgien hinreißen lassen? Soetwas mußte einem Authentiker bis in die Knochen geschmerzt haben. Mitnichten...Clapton gesteht in seinem Interview, daß er eine Phase des Experimentierens durchgemacht hatte. Zudem wurde er noch zum hoffnungslosen Alkoholiker. Schließlich war der Punkt erreicht, an dem Clapton nicht mehr konnte. Man spielte nur mehr der Kohle wegen und ging sich aus dem Weg. Glücklicherweise wurde das letzte Cream Konzert auf Video aufgenommen und dann gings erst einmal in die Versenkung ab. Ginger Baker's Versuch, eine Supergruppe mit Superstars wie Stevie Winwood und natürlich Eric Clapton aufzubauen, scheiterte am Leader-Charakter der Bandmitglieder. Nach einer LP, Blind Faith genannt, brach die gleichnamige Formation auseinander und Eric versuchte es bei Derek und den Dominoes und anderen Bands, spielte Gastmusiker bei den Beatles und Stones. Schließlich soff er total ab und war weg vom Fenster. Doch seine damalige Plattenfirma hatte ein einträgliches Projekt vor und holte ihn aus der Gosse, verpaßte ihm nicht nur ein neues Gebiß und eine Entwöhnungskur, sondern setzte ihn vor ein fertiges Playback und ließ ihn nur mehr overdubben. Auf dieser Platte, Ocean Boulevard Vierhundertsowieso, interpretiert er neben Pop-Schlagern Robert Johnsons "Steady Rollin' Man". Eigentlich sollte man Eric Clapton seiner Unentwegtheit in Sachen Blues wegen bewundern, aber er schafft es einfach nicht, trotz Sauforgien und ständiger Raucherei, eine rauhe Bluesstimme zu entwickeln. Seine Begleitmusiker sind entweder namenlose Studiospinnen oder geprägte Popstars. Da kann kein Blues herauskommen, das wird immer nach kommerzieller Popmusik klingen. Will er das wirklich, oder betrachtet er das als Kompromiß. Clapton hat Millionen verdient, das Publikum frißt ihm aus der Hand, warum macht er das? Warum pfeift er nicht auf die geldgierigen Produzenten und realisiert endlich das, was er einst durchziehen wollte?
Mein Schlagzeuger Harry Hudson meint, Eric Clapton sei mit seinem Leben nicht glücklich. Mir kommt das irgendwie auch so vor, denn seit er 1991 seinen kleinen Sohn Conor durch einen schrecklichen Unfall verloren hat, ist die Luft raus, doch wer weiß, wie ich reagiert hätte.
Letztens sah ich mir mit meiner Frau das MTV-Video aus der Unplugged-Serie an. Ich wollte eine zweite Person dabei haben und einmal eine unbefangene Meinung einholen. Als er "Tears In Heaven" sang, bemerkte ich in den Augen meiner Frau einen Ausdruck unendlichen Mitleids, aber die Bluesnummern klangen ihr zu dünn und lustlos gespielt, sogar ein wenig nach Schlager schmeckend. Seine Stimme hätte keinen Biß, aber, so sagte sie, er hat ein gutes Gesicht und gute Augen, aber mit akustischem Blues hat er sich sicher nicht seinen Namen gemacht. Wie wahr, es waren die Jahre bei Cream. Dann sah mich meine Frau an und sagte leise: "Geh' nicht mehr auf den armen Kerl los". Okay, ich nehme mir das zu Herzen und mache meinen Frieden....aber es wäre trotzdem interessant, Eric Clapton einmal persönlich zu treffen, oder mit ihm auf einer Bühne zu sitzen und anständigen Blues zu spielen.
Euer
AL COOK
AL COOK ist nun auch wieder auf Blues.at zu finden!
Wir freuen uns sehr, daß sich Al Cook dazu bereit erklärt hat, uns eine regelmäßige Kolumne und
Geschichten über den Blues zu schreiben, in welcher er uns alle an seinem nahezu unendlichen Erfahrungs -
und Wissenschatz teilhaben läßt.