
Dieses Thema beschäftigt eigentlich alle, die zwischen diesen beiden Aggregatzuständen hin und her wandeln. Einerseits will man gute Musik machen, andererseits will man doch irgendwie beim Publikum ankommen und nicht im stillen Kämmerlein dahinklimpern, bis der sprichwörtliche Supermanager vorbeikommt und das unglaubliche Künstlertalent durchs offene Fenster entdeckt. Soetwas kommt nicht einmal mehr in Drehbüchern vor. In den 60ern konnte man noch an solche Glücksfälle glauben, aber heute ist jedwede Kunst ganz profan dem freien Markt ausgeliefert worden und was keine Kohle bringt, bekommt der Pepi Durchschnittskonsument nicht zu hören. Dafür sorgt schon die Lobby der internationalen Medienkonzerne und Großproduzenten und die brauchen die breite Masse, daß sie mit ihren Produkten nicht pleitegehen.
Auf dem Gebiete der Unterhaltungsmusik ist Kommerzialität einfach unerläßlich, denn wie will man sonst unverbindliche Wochenendfreude bereiten und zum Tanz aufspielen. Hier geht es aber um eine Musikrichtung, die eigentlich nie den Charakter und den Nimbus der Kommerzialität hatte....DER BLUES.
Was ist eigentlich Kommerz.
Ein Produkt wird allgemein als kommerziell bezeichnet, wenn es zum Kauf angeboten und gegen Bezahlung veräußert wird, auch wenn es sich noch so schlecht verkauft. Nun, wo liegt der Unterschied zwischen kommerzieller Verwertung und dem Negativterminus "Kommerz".
Dazu müssen wir uns in eine Zeit begeben, als der Begriff der industrialisierten Massengesellschaft noch weitgehend unbekannt war. Die meisten Kulturen der vornehmlich westlichen Hemisphäre produzierten hauptsächlich für den eigenen Markt. Die Zeit vor der Zwangsglobalisierung war nicht sehr von wirtschaftlichem Wettbewerbsdenken und Exportstreben bestimmt. Das machte sich in Individualismus und mehr Experimentierfreudigkeit bemerkbar.
Sogar in den USA, deren industrielle Revolution bald die westliche Welt beherrschen sollte, gab es Gegenden, wo sich dieser Geist nicht sonderlich durchsetzte.....der alte Süden. Die klassische Konföderation grenzte sich bis zum Ende des Krieges ziemlich erfolgreich gegen die "fortschrittliche" Hektik der Yankee-Staaten ab.
Kein Wunder, daß das größte Kulturerbe des Südens, der Country-Blues bis in die frühen 60er erhalten blieb. Der Blues war immer eine sogenannte Minderheitenmusik und hatte kommerziell nie die Bedeutung eines Marktfaktors. Damals verkauften sich die Race-Records, so wie sie damals hießen, nur an eine bestimmte Schichte armer Schwarzer. Der Rest waren treue Kirchgänger, die vom Blues schon aus religiösen Gründen nichts wissen wollten und die, die entweder nur gehobenen, kultiviert-konzertanten Jazz hören wollten. Bis zu John Hammonds Spiritual To Swing Konzert in der Carnegie Hall, wußte kein Mensch der sich nicht speziell für schwarze Musik interessierte, was Blues überhaupt ist. Was der normale Konsument zu hören bekam, waren die, sagen wir klassisch aufbereiteten Folklore-Musicals des Komponisten George Gershwin, der die Musik der Schwarzen zu schönfarbenen Operetten a la "Showboat" mit Belcantostimmen und Orchestration bis ins Unkenntliche entstellte. Die fürchterliche Hollywoodversion vom St. Louis Blues, die den Schmusesänger Nat King Cole als W.C. Handy zeigt und mit einem grausamen Streichorchesterarragement des Titelsongs schließt, ist ein typisches Beispiel, wie man den Kommerzbegriff negativ verstehen kann. Also wie man sieht....Etikettenschwindel schon zu Zeiten der Altvorderen. Heute macht man das Gleiche mit Hilfe der Rockmusik.
Also, Verkommerzialisierung, um ein Produkt an eine breitere Konsumentenschicht zu verkaufen.....ist gleich Kohle, Kohle, Kohle. Da beginnt nun die Diskussion, ob Kohle machen Sünde ist. Natürlich ist Geld verdienen keine Sünde.....Keiner ist der Feind seiner Brieftasche, aber wo beginnt das Geldverdienen den Charakter der Prostitution anzunehmen. Wo ist die Grenze zwischen Kunst und Kommerz ??? Schwer festzustellen.
Ein Leitsatz, den ich jedem ins Stammbuch schreibe, heißt. Gutes bleibt gut, schlechtes bleibt schlecht, egal wie es sich verkauft. Verkaufszahlen entscheiden keinesfalls über die Qualität eines Produktes.
Was nun den Blues betrifft, stimmt es durchaus, daß die so gerühmten Klassiker auch nichts anderes machten, als ihr Publikum zu unterhalten. Der Unterschied zu heute besteht nur in der Tatsache, daß das Publikum und die Musik zu dieser Zeit noch eins waren. Sie war einfach identisch mit dem Denken und Fühlen der Zuhörerschaft. Natürlich kamen einige Künstler besser an als andere und verdienten dementsprechend mehr. Doch die besten von ihnen machten dann Schallplatten, die sich jedoch auch nach Käuferschicht mehr oder weniger gut verkauften.
Die Bluessänger wurden per Daumen mit einer Summe abgefertigt, die oft lächerlich war, aber oft übertraf das Salär alles, was durch die Sammelbüchse oder durch Baumwollpflücken zusammenkam. Das erste was man sich zulegte, war ein toller Sonntagsstaat. Nur nicht mehr wie ein Cottonpicker aussehen....
Die Schwarzen haben den Hang, ihren sozialen Status augenfällig zu zeigen. Wilde, färbige Kleidung, teure Schuhe, Uhren, auffälligen Schmuck und wenn er nur aus Rhinestones besteht, und wenn möglich ein protziges Auto. Zu Hause saß die Ehefrau mit einem Haufen hungernder Kinder und wußte aus Armut nicht, ob sie sich an den Gasmann oder an den Greißler verkaufen soll (Mae Glover: „Gas Man Blues“). Dann kam irgendwann der Alte heim, prügelte seine Frau, weil sie ihm kein Essen serviert hat und warf sie dann ins Bett, wo der nächste unnötige Fresser produziert wurde. Das ist der Blues....glaubt mir.
Aber wieder zurück zur Kardinalfrage.
In unserer modernen, pluralistischen Gesellschaft werden die Werte durch die Gegebenheiten eines fragwürdigen Marktes bestimmt. In meiner Abhandlung über die Absurdität menschlicher Wertvorstellungen habe ich mich mit den Auswüchsen der freien Marktwirtschaft ausgiebig auseinandergesetzt.
Das breite Publikum als Kriterium heranzuziehen, ist mit äußerster Vorsicht zu genießen.
Seit in den Fünfzigern die Medien als wirtschaftlich brauchbares Manipulationsinstrument entdeckt wurden, gibt es globale Trends und Modeströmungen. Im Klartext heißt das, daß Kriterien und Urteilsvermögen einem sich ständig verändernden Zeitgeistdenken ausgesetzt sind und marktwirtschaftlich gleichgeschaltet werden, um maximale Umsatzzahlen zu garantieren.
Der Großteil der Masse ist leicht lenkbar, weil er sich instinktiv und ohne viel nachzudenken anpaßt, um up to date zu sein. Der Teil der Bevölkerung, dem der neue Trend möglicherweise nicht paßt, macht mit, weil er es sich nicht leisten kann, außerhalb der Norm zu leben. Nur Außenseiter und Individualisten stellen sich dagegen und werden schnell an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Anfang der 60er Jahre war der Blues bei uns nicht bekannter als die Paarungsgesänge hinterindischer Bergvölker. Die Kenntnis des Blues war auf einen kleinen Kreis von Jazzspinnern beschränkt, die den Blues aus seinem Dasein als Volksmusik in den Olymp der Afro-Amerikanischen Musik erhoben. Zu diesen Leuten gehörte auch ich. Man verbot es sich, den Blues als kommerziell konzipierte Musik anzusehen....war er aber doch.
In den 20er Jahren entschloß sich das Management der Wisconsin Chair Company in Grafton/Wisconsin, eine Fabrik für Schulmöbel, sogenannte Victrolas herzustellen. Victrolas waren Plattenspielschränke, die anstatt des Trichters den Schrankkörper als Schallverstärker verwendeten. Was halt noch fehlte, waren die Platten, die man darauf spielen konnte. Irgendwer mußte auf die Idee gekommen sein, daß es einen brachliegenden Markt im schwarzen Süden gab. Man schickte sogenannte Talent Scouts auf die Plantagen, in die Barrelhouses und klopfte aus den Hütten, was eine Gitarre halten konnte.
In Jackson versammelte sich in H.C. Spears Plattenladen die Creme der lokalen Bluesszene und nach einem Azetat-Test schickte man den Barden nach Grafton oder Richmond in Indiana, wo die Firma primitive Makeshift-Studios betrieb.
Schwarze hatten wenig Geld und so wurden die Platten für rund 75 cents verkauft, was auch noch manchem zuviel war. Untersuchungen beweisen, daß die Majorität der Käufer Frauen waren. Vielleicht wollten sie bei der Hausarbeit Musik oder ihren Lieblingsstar hören.....also durchaus nicht viel anders wie heute, nur daß die Stars nicht Blind Lemon Jefferson, Charlie Patton oder Son House hießen.....heute sind es halt Robbie Williams, Julio Iglesias oder Roger Whittaker. Waren die authentischen Bluesgiganten gottverdammte Kommerzler ????
So leid es mir tut....JA!!!
Johnny Shines, ein langjähriger Kumpel des legendären Robert Johnson, beschreibt ihn als Typ mit fotografischem Gehör. Er konnte einen Schlager komplett nachspielen, nachdem er ihn im Radio gehört hatte. Einer seiner Lieblingsnummern war "My Blue Heaven"....wie mag er das wohl gespielt haben? Tanzmusik, sogar Polka soll der Teufelsbraten gespielt haben. "Any damn stuff, people liked in those days." So Johnny Shines über Robert Johnson.
Man stelle sich vor, Robert Johnson hätte überlebt und man würde ihn in einer Fußgängerzone auftreiben, wenn er gerade einen Haufen Passanten mit Ö3 Hits verwöhnt......igittigitt.
Vor dem Mikro verlangte man diesen Universalunterhaltern jedoch die Musik ab, die ihre Kultur hervorgebracht hat....den BLUES.
Wenn man solche Augenzeugenberichte hört, gerät das Bild des einsamen, nomadisierenden, von Höllenhunden geplagten Bluessänger, der auf einer mondbeleuchteten Wegkreuzung auf den Teufel wartet, gehörig ins wanken.
Aber......
Der große Unterschied zu heute liegt in der Tatsache, daß man die Musik damals nicht industriell und nach marktwirtschaftlichen Kriterien konstruiert hat. Man nahm alles auf, was einem vor den Trichter kam und preßte es auf Schellack. Verkaufte sich das Zeug, wurde der Musiker zu einer Folgesession eingeladen, wenn nicht, ließ man ihn fallen. Doch dadurch blieb uns viel gute Musik erhalten, die sonst für immer ungehört geblieben wäre. Da die Platten billig sein mußten, war es unverzichtbar am kostbaren Schellack zu sparen. Man streckte die Preßmasse mit zerstäubten Holzspänen, die aus dem Abfall der Möbelproduktion stammten. Das Ergebnis war die mit Abstand schlechteste Tonqualität aller Bluesplatten, denen man auf 78 Umdrehungen habhaft werden konnte. Verwendete man die üblichen Stahlnadeln, hatte man mit einem Rauschpegel von 30% aufwärts vorlieb zu nehmen, also wurden Hartholznadeln verwendet, die wenigstens ein paar Dezibel Grundrauschen schluckten. Mit Weichholz gewann man noch ein bißchen Terrain, aber die nutzten sich zu schnell ab.
Als einzige Konzession an damalige Verkaufsstrategien forderte man vom Künstler ein, nur den Bluesteil des jeweiligen Live Repertoires aufzunehmen. Schwarze mußten Blues singen, das war der Auftrag, den die Studios von den Produzenten bekamen. Bei Son House ging man sogar soweit, daß er eine Version von Blind Lemons Hit "See, That My Grave Is Kept Clean" aufzunehmen hatte. Als "Mississippi County Farm Blues" ist der Song kürzlich erst auf Platte gefunden worden.....es gibt nur ein Exemplar auf der ganzen Welt.
Sind das nicht kommerzielle Überlegungen ??? Ja, aber Son House und Blind Lemon hatten eines gemeinsam....sie waren Bluessänger. Da verlangte man nicht von einem Al Cook oder einem Erik Trauner, daß er eine Nummer von Robbie Williams oder grausame Rockversionen klassischer Bluesnummern aufnimmt. Da sitzt der Kommerzteufel drinnen. Mit einem Wort, Musik solange zu verfälschen und zu umzuarrangieren, bis sie vom Pepi Normalkonsumenten verstanden werden. Traurig, aber wahr....Wer seit Kindesbeinen Tag für Tag den Sound aktueller und kurzlebiger Popsounds eingetrichtert bekommt, muß ja ein Musikstil, der nur zehn oder zwanzig Jahre alt ist, befremdlich vorkommen. Beim Blues sind es gar von 65 Jahren aufwärts. Das macht den authentischen Blues für heutige Ohren so gewöhnungsbedürftig.
Doch langsam entwickelte sich eine Hörerschicht, die dem zeitgenössischen Kommerz eine Absage erteilt hat und den Blues aus der Mottenkiste der Musikgeschichte herausgeholt hat.
Zuerst waren es die wenigen Plattensammler, die sich die Mühe gemacht haben, diese schöne Musik auf modernen Tonträgern wieder hörbar zu machen, dann machten sich die ersten Musiker dran, den Blues in seiner reinen Form zu interpretieren. Das begann bereits in den frühen 60ern. Aus der britischen Skiffle-Szene kristallisierten sich die ersten Bluesenthusiasten heraus. Der Gründervater Alexis Korner mit seinen Jüngern unter denen auch die embryonalen Rolling Stones waren. John Mayall und seine Bluesbreakers, denen auch der Hardcorebluesman Patrick Clapp vulgo Eric Clapton angehörte. Zu dieser Zeit aber hatte der Britpop die Welt erobert und man verarbeitete den Blues zu dem, was man allgemein als Englischen Blues bezeichnet.
Da setzte aus wirtschaftlichen Erwägungen die Kommerzialisierung ein und der selbsternannte Fachjournalismus propagierte diese Musik fälschlich als Blues. Diese Art von Blues verkaufte sich besser als die authentisch-ethnische Version, weil sich der Normalverbraucher mit den zeitgeistkonformen Interpretationen eher identifizierte. Den Rockversionen alter Bluesnummern folgte das totale Aufgehen in der Popkultur. Die Musiker hatten sich jedoch aus klar erkennbar kommerziellen Gründen immer weiter von ihren Wurzeln entfernt, bis vom ursrünglichen Ziel nichts mehr übrigblieb. Meines Erachtens hatte es nur Johnny Shines geschafft, der Musik Robert Johnsons ein rockiges Gesicht zu geben, ohne das Konzept zu zerstören (siehe „Dynaflow Blues“, Chicago, The Blues Today).
George Gershwin und Eric Clapton taten beide dasselbe, um jeweils ihrer Generation den Blues zeitgeistig zu verkaufen. Beide sind vom Original gleichweit entfernt. Das verstehe ich unter Kommerzialisierung.
In Österreich verrichtete ich die Arbeit eines Alexis Korner....der Unterschied liegt nur darin, daß ich von Zeitgeistströmungen und jeder Kommerzialisierung bis heute unberührt blieb.
Der Prozentsatz der Musiker, die sich mit den ethno-authentischen Bluesformen auseinandersetzen, ist im Vergleich zu anderen Ländern unvergleichlich höher. Gemessen an der Bevölkerungszahl haben wir die höchste Dichte an erstklassigen Bluesleuten.
Diese Tatsache ist nicht zuletzt der Arbeit des Document Records Produzenten Johnny Parth zu verdanken, der für sein Lebenswerk in Memphis und Wien ausgezeichnet wurde. Auch der Plattensammler und Bluesförderer Hans Maitner hat vielen Musikern, vornehmlich dem Mojo-Chef Erik Trauner mit seiner legendären Radiosendung „Living Blues“ den entscheidenden Anstoß gegeben, sich dem Blues zu verschreiben.
Der relativ kleine Markt, der den Blues zu einer Nischenmusik macht, setzt der Verbreitung durch die Medien eine selbstregulierte Grenze. Hatte der Blues zu meiner Zeit (1970-1980) eine gewisse Medienpräsenz, wurde mit den letzten Reformen unter der Regentschaft der Generalin Monika Lindtner alles was nicht kommerziell verwertbar erschien, aus dem ORF Programm verbannt.
Was die Einstellung der Schwarzen zum Blues anbetrifft, weiß jeder, der sich ein wenig mit der Materie beschäftigt, daß die Afro-Amerikanische Kultur eine progressive ist. Der Schwarze blickt nicht zurück, er kennt kein Traditionsbewußtsein. Es gibt meines Wissens keine Institutionen, die Traditionspflege betreiben. Wie wir Mozart, Beethoven und Co. per staatlicher Subvention am Leben erhalten, gibt es keine Musikschule, die die Musik Jeffersons, Johnsons, Bessie Smiths oder Ma Raineys lehrt. In den USA wird der Wert einer Sache oder eines Menschen nach seiner kommerziellen Verwertbarkeit bemessen. Sich von dort Anerkennung zu holen, wird durch die Anwendung dieser Sachkriterien fragwürdig.
Euer AL COOK
AL COOK ist nun auch wieder auf Blues.at zu finden!
Wir freuen uns sehr, daß sich Al Cook dazu bereit erklärt hat, uns eine regelmäßige Kolumne und
Geschichten über den Blues zu schreiben, in welcher er uns alle an seinem nahezu unendlichen Erfahrungs -
und Wissenschatz teilhaben läßt.