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Al Cook's Blues Spirits

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29. SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND
Über die Absurdität menschlicher Wertvorstellungen

©Al Cook, 2001 - 2010

Es war mir schon seit jeher ein Bedürfnis, eine Abhandlung über die Absurdität menschlicher Wertvorstellungen zu verfassen. Wieviel Leid, aber auch wieviel Glück ist seit jeher damit verbunden gewesen. So richtig ist mir das erst während der Euroumstellung bewußt geworden.
Als ich im Fernsehen sah, wie man tausende und abertausende dieser vor wenigen Monaten noch wertvollen, bedruckten Papierstücke in den Reißwolf stopfte und Dämmstoff daraus machte, dachte ich bei mir...stell dir vor, wegen diesen armseligen Papierfetzchen wurde betrogen, gestohlen, geraubt und sogar gemordet und da sagen plötzlich ein paar Typen in Brüssel, jetzt haben wir eine andere Währung und über Nacht wird ein Tausender, für den hart gearbeitet, oder gekonnt betrogen wurde, zur Makulatur. Wieviel Erbstreitereien, Prozesse, Bankspekulationen, Pleiten und Pannen haben tausende in den Ruin oder ins Obdachlosenasyl getrieben. Frauen haben sich offen oder geheim prostituiert, Opportunisten, Arschkriecher und zweifelhafte Erfolgstypen haben sich von ihren Chefs demütigen lassen, ihre Freunde und Kollegen denunziert nur um diese bedruckten rechteckigen Scheine zu sammeln und sich damit Dinge kaufen, die genauso absurden Wertvorstellungen unterliegen, wie ihr Prestigedenken. Wir leben in einer Welt, in der man seine Kreditkarten wie Staatsorden vor sich herträgt und glaubt, der Größte zu sein. Namen wie Rolex, Armani, Rolls Royce, Cadillac oder eine Einladung in eine Opernball-Loge werden zum unverzichtbaren Prestige, dessentwegen man jedwede Moral über den Haufen wirft und nötigenfalls seine Mutter oder die Frau verkauft.

Spieglein,Spieglein an der Wand, wer ist der Größte, wer ist die Schönste im ganzen Land? Alle sind super, alle sind Chefs und die tollsten Kerle. Wenn sie sich eine Rolex leisten können, müssen sie Erfolg haben und naturgegebenermaßen Alpha-Typen sein. Daß sich somancher seinen Luxus auf moralisch fragwürdigem Fundament aufbaut, oder sich für einen Markennamen prostituiert, danach fragt niemand.

Doch was hat das alles mit Kunst und im Speziellen mit Musik oder sogar Blues zu tun ? Na ja, eine ganze Menge, Man denke nur an den Kunstmarkt und das absurde Auf und Ab der Börsen, egal ob es sich nun um Leonardo Da Vinci, Van Gogh, Picasso oder Hermann Nitsch handelt.
Was die Bluesmusik betrifft, die ja unser Fachgebiet ist, weiß ich, daß es genauso zugeht. Auch ich muß mich beim Kopf packen und zugeben, daß ich schon einmal am Rande des Schellacksammelwahnsinns war. Ich liebe diese alten Scheiben abgöttisch, aber es würde mir nicht einmal im Traum einfallen, dafür ein Jahr in einer Kommerzband zu spielen. Da wird eine Platte, mit der einmal ein Loch in der Dachschindel einer Negerhütte abgedeckt wurde zur 10.000 Dollar Reliquie und es werden Unsummen verlangt, um die Musik überspielen zu dürfen. Historische Paramount-Platten kosteten 75 cents und plötzlich verlangt einer so mir-nichts, dir-nichts fünfstellige Dollarbeträge. Der Schwarze, der den Song aufgenommen hat, wurde mit ein paar Dollar und einer Flasche billigen Fusels abgefunden. Klar, es gibt nur ein Exemplar auf dieser Welt, aber WER bestimmt nun den gegebenermaßen relativen Wert einer Sache. Man sagt, es sei das Gefälle von Angebot und Nachfrage, aus dem sich die Wertigkeit ergibt. Also müßte sich in siebzig Jahren, wenn man die letzte Hansi Hinterseer-CD aus dem Mistkübel eines Geriatriezentrums fischt, der Wert von Schweinekommerz ins Unermeßliche steigen. Mit Logik kommt man dieser Frage nicht bei, also bleibt das ewige Problem, wer nun der Masse den Wert einer Sache beibringt, bestehen.

Das Gesetz der Logik sagt, daß alles seinen absoluten Wert hat und diesen durch die Zeit seiner Existenz beibehält, falls an der Sache nichts verändert wird, oder verändert werden kann. Der Maler, der ein Bild malt, der Musiker, der ein Stück auf einen Tonträger brennt oder schneidet, friert einen unwiederholbaren Augenblich seines Schaffens für immer ein. Es ist ein statisches Kunstwerk, das sich nicht mehr verändert, also auch den Wert der Arbeit, die das Werk realisierte, nicht verändern kann. Der Künstler ist entweder tot, nicht mehr aktiv, oder kann an seinem Werk nichts mehr ändern. Er kann im besten Falle nur eine Neufassung seines Werkes schaffen. Also warum verhungert ein Künstler, oder wird irrsinnig, weil er an einer banausrigen Umwelt verzweifelt und plötzlich sagt einer, der Mann war ein Genius und man ist bereit die absurdesten Horrorpreise zu zahlen und ist komischerweise noch von dem vorgekauten Wertbegriff überzeugt. Geschehen im Falle von Van Goghs Sonnenblumen. Es ist nichts an dem Bild verändert worden und plötzlich ist dieses, zu seiner Entstehungszeit wertlose "Gekleckse" zu teuer für jede Versicherung. Was hat nun der arme Vincent davon....warum hat man das nicht gleich erkannt. Braucht man als Künstler unbedingt irgend einen Typen, der der Kunstszene erklärt, was sie für wertvoll zu halten hat ? Andererseits stellt man die Scheußlichkeiten diverser "Aktionisten" auf die gleiche Stufe, wie seriöse Kunst. Wer kann in diesem Fall einen Künstler von einem arbeitsscheuen Scharlatan unterscheiden, der das Publikum bloß frech verarscht. Goutiert man Schüttbilder und Schweinsblutorgien nicht, kann man heute leicht in den Ruf eines Kulturfaschisten oder verkappten Reichskulturkämmerers kommen.

Ich selbst habe hundertmal erlebt, was es heißt Künstler zu sein. Als ich begann, meine Mission als Bluesman zu starten, wollte man mir nicht einmal das Wirtshausgulasch zahlen und Gerhard Bronner soll nach unbestätigter Meldung gesagt haben, mein Gitarrespiel sei keine fünfzig Groschen wert und er kenne mich nur vom Weghören. Andere wieder hätten mir tausend Euro bezahlt, um mich spielen zu hören. Seit den Tagen der ersten Rock n Roll Stars weiß ich, daß es das Image ist, das verkauft wird. In der Werbung zählt das Produkt schon lange nicht mehr, es ist das imaginäre Lebensgefühl, das zählt. Die Zigarette, die einem den baldigen Tod durch Lungenkrebs beschert, wird mit dem Gefühl cooler Pilotenfreiheit verkauft, ebenso die Breitling-Uhr, die bis 100 Meter wasserdicht ist. Welcher menschliche Organismus hält den Wasserdruck in solcher Tiefe aus, aber man zahlt an die 3000 Euro, um sie aus Prestigegründen auch noch in der Bahnhofstraße, der teuersten Züricher Einkaufsmeile zu erstehen. Ich erinnere mich an Bronner und Wehle, die einmal das Lied sangen: Es kommt nur auf die Verpackung an. Wie wahr, wie wahr.

Also sah ich in meinen Presse-Clips nach und fand den richtigen Slogan, der mein Image als "The Loneliest Man In Town" ablösen mußte: "The White King Of Black Blues". Ich weiß, daß das in manchen Ohren etwas provokativ und großkotzig klingt, aber ich war auch der Einzige, der der Imagepflege wegen eine andere Identität und einen Künstlernahmen annahm, was ich auch somanchem anderen raten würde.

Und dennoch hat man mich auch nach 40 Jahren Bühne noch zu keinem internationalen Bluesfestival, geschweige denn nach Amerika eingeladen. Da mir Klinkenputzen und Mastdarmtechnik nicht liegen, werde ich mich auch weiterhin nur dort sehen lassen, wo man mich ruft. Ich produziere nur etwas, dessen ich mich nicht schämen muß und präsentiere reinen Herzens, was ich zu sagen habe. Meinen absoluten Wert kenne ich nicht, aber ich lasse ihn auch nicht durch Leute bestimmen, die keine Ahnung von der Materie haben. Die Gagen, die ich erhalte, schätze ich nach dem Prinzip der Anerkennung ein. Also: Wenn eine Schulklasse ihr letztes Taschengeld zusammenkratzt, um mich zu hören, bin ich zutiefst gerührt, aber wenn mich ein Mörtel mit einem Tausender abspeisen will, den er ansonsten irgend einer glubschäugigen Tussi als Trinkgeld in den Ausschnitt steckt, hört er von mir das Entsprechende. Als ich an einem legendären Abend im Jahre 1973 meinen berühmt-berüchtigten Spezi Big Joe Williams im Jazzland erlebte, spielte dieser den ganzen Abend mit einer verstimmten Saite und in einer einzigen Tonart. Das Publikum stand auf den Tischen und jubelte wie verrückt. Was wäre gewesen, wenn unsereins stockbesoffen bis weit nach Mitternacht immer die selbe Nummer spielen würde, die sich von der vorherigen nur durch einen ebenso gelallten, aber anderen unverständlichen Text unterscheidet ? Nicht einmal am Schwedenplatz könnten wir uns sehen lassen.
So sind eben die Wertigkeiten gesetzt. Natürlich sonnte sich der alte Gauner in der kritiklosen Bewunderung seiner weißen Fangemeinde. Damals auf der Parchman-Gefängnisfarm bekam er höchstens die Knute zu spüren und bei uns wird er von den "Whities und Crackers" vergöttert. Klar, blöd wird er sein.

Größe wird generell mit gesellschaftlichem oder, bzw. und materiellem Erfolg gleichgesetzt, doch dabei wissen wir genau, daß das nicht immer stimmt. Reichtum, Macht und kommerzieller Erfolg sind Parameter, durch die sich seit Menschengedenken die Stellung in der Wertskala definiert.

Die moderne, strikt pluralistische Gesellschaft anerkennt nur dann denn Wert einer Sache, eines Werkes, oder eines Menschen wenn er von einer Mehrheit offiziell anerkannt wird, also diese Mehrheit sich damit identifiziert. Diese Art des Werturteiles ist genauso fragwürdig, wie das sogenannte Mehrheitsprinzip an sich. Ob etwas grandios, gut, richtig oder eben von Wert ist, bestimmen erst einmal die, die das politische oder gesellschaftliche Sagen haben und für den Zeitgeist verantwortlich sind. Die Masse zieht mit, oder hat mitzuzuiehen und damit fundamentiert dieses Establishment erst einmal seine Mehrheit, die sie zur Konsolidierung und Rechtfertigung seiner Maßstäbe braucht.

Der Haken an der Praxis des Pluralismus ist der, daß man fälschlicherweise annimmt, eine Mehrheit könne nicht unrecht haben. Die Verfechter des Pluralismus rechnen aber nicht mit der Manipulierbarkeit der Masse und vor allem mit derem oft fragwürdigen Geistesniveau, das oft bei Straßenbefragungen schmerzlich offenbar wird. Also wem soll man glauben ? Die Instinkte des Urvertrauens werden bereits in der Kindheit verbildet oder abgetötet, das Gefühl für lautere, objektivierbare Grundwahrheiten wird durch die Überlebensnotwendigkeit des Tarnens, Täuschens und Lügens total verschüttet. Demokratische wie autoritäre Strukturen brauchen die Mehrheit der gleichgeschalteten Masse. Denkende Individualisten sind ein Luxus, den sich auch eine freie Gesellschaft nur bis zu einem gewissen Grad leisten kann. Längst haben wir Qualität durch Quantität ersetzt und Oscars, Grammies, goldene Bären und Schallplatten spiegeln bloß nur den Pegel kommerzieller Verwertbarkeit und haben mit objektiver Wertigkeit nichts zu tun. Es sind nicht meßbare Leistungen, die sich dem Gutdünken einer subjektiven Jury ausliefern.

Fazit: Der Größte ist derjenige, der sich am besten an eine gleichgeschaltete Öffentlichkeit, oder an eine anerkannte Autorität verkaufen kann, gleich was er leistet oder drauf hat. Wir blicken zu denen auf, die Geld haben, oder sich im Ruhm von Auszeichnungen sonnen können, die ihnen irgendwelche etablierte Institutionen verliehen haben, ohne daran zu denken, wie sie zu diesem Erfolg gekommen sind.
Die Fähigkeit zur objektiven Selbsteinschätzung muß aus dem Unterbewußtsein hervorgeholt werden und man muß sich Kriterien zulegen, zu denen man aus voller Überzeugung stehen kann, denn nichts bestätigt die allgemeine Relativitätstheorie so sehr, wie der Wertigkeitsbegriff.

Euer AL COOK

Ersterscheinugsdatum:9.3.2004
©Al Cook, 2001 - 2010 http://www.alcook.at

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