
Meine lieben Leser !
Allsonntäglich um 19h abends treffe ich unseren lieben Busy Tom und überreiche ihm eine neue Geschichte für's Internet. Die letzten Folgen behandelten Themen, die eben aktuell waren, wie das Neue Jahr, der Euro oder Elvis und der Blues- ein Thema über das ich glatt eine Serie wie einst über Robert Johnson schreiben könnte. In der Eile hatte ich aber auf den entscheidenden Buchtip zur Geschichte vergessen: "Last Train To Memphis" vom Bluesspezialisten Peter Guralnick. Meine Ex hat mir dieses wunderbare Buch einmal zum Geburtstag geschenkt. Nie habe ich etwas besseres gelesen.
Doch nun zur heutigen Folge. Wenn Tom und ich ins plaudern kommen,vergeht die Zeit sehr schnell, weil ich ihm immer wieder Anekdoten aus meinem Leben erzähle. Meiner Frau stehen sie schon bis zum Hals, aber Tom ersuchte mich, ob ich diese Schwänke nicht einmal für meine Leser zu Papier, bzw. Bildschirm bringen möchte. Na gut, warum nicht....ein bißchen schwarzer Humor zu schwarzer Musik kann nicht schaden, also habe ich für diese Folge so ad hoc ein wenig im Nähkästchen gekramt, aber ich muß irgendwann wieder meine Reihe "The Complete Al Cook" fortsetzen.
THE STORYBOARD
Weit in den frühen 60ern, als ich noch nicht Gitarre spielen konnte, war ich durch die Gewerkschaft auf Jugendurlaub und ein Kollege hatte ein Instrument zur Hand und wir veranstalteten einen bunten Abend, wo ein paar junge Leute ein wenig Musik machten. Es sollte ein gemütlicher Abend werden und ich sang halt ein paar Elvis-Nummern. Offensichtlich war mein professionelles Auftreten bereits in der Embryonalphase und irgend jemand fühlte sich offensichtlich im Nachteil. Nächsten Tag kam ich von einem Ausflug zurück und ca. 50m vor dem Hauseingang bekam ich einen fürchterlichen Schlag gegen die Nasenwurzel. Völlig benommen griff ich mir instinktiv an die Nase und spürte, daß sie angeschwollen und blutig war. Später kam dann heraus, daß ich von einem Fenster aus mit einer Luftdruckpistole beschossen wurde. Nicht auszudenken, wenn der Schuß auch nur einen Zentimeter danebengegangen wäre. Man riet mir, die Polizei zu rufen und den Schützen anzuzeigen. Aber als ich sah, daß dieser zitternd wie ein Häufchen Elend dasaß, wollte ich ihm seine Zukunft nicht zerstören und ließ von einer Anzeige ab. Zwei Tage danach war die Nase wieder gut.Ein andermal spuckte mir ein Konkurrent einen vollen Mund mit Wasser ins Gesicht, weil er mich für einen arroganten Pimpf hielt und eines Nachts stand ein Schatten mit einem Rasiermesser über mir und wollte mich kahlscheren, weil ihm meine Frisur nicht gefiel. Das war das einzige Mal, daß ich automatisch reagierte. Ich brach ihm mit einem Hieb das Nasenbein. Auch da wäre es eine glatte Notwehrsituation gewesen.
Nun zu etwas erfreulicherem. Wißt Ihr, daß ich, zumindest in unseren Landen, der Erfinder des Playbackgesanges war ? Damals sang und pantomimte ich gerne zur Musicbox. Wenn ein Betriebsausflug angesagt war, mußte ich mich während des üblichen Gasthausbesuches zur Box stellen und zu Rock n Roll Nummern eine Elvis-Pantomime vorführen. Das mag heute okay sein, denn bei den TV-Shows werden wir ja ständig mit Konservenmusik beschissen, während ein "Star", oft immer noch asynchron, zu seinem eigenen Playback hopst. Damals gab es aber so etwas nicht und man machte sich im Grunde nur lustig über mich. Heute verdienen diese Playbackhopser das Zehnfache meiner Konzertgagen und kein Mensch weiß von meiner Pionierarbeit.
17. Oktober 1964.
Mein erster öffentlicher Auftritt endete mit einem Fiasko seitens des Publikums. Wer damals "All Shook Up" vor Hausfrauen, Pensionisten und Politprominenz sang, konnte nichts anderes erwarten. Natürlich hatte ich meine Arbeitskollegen mobilisiert, um meinen ersten Schritt zur Bühnenkarriere mitzuerleben. Offensichtlich genierten sie sich für mich, weil ich nur den Trostpreis bekam und so verdünnisierten sie sich, bevor ich vor's Bühnentürchen kam. Einer aber blieb und sagte folgende historischen Worte: "Bist' teppert, waaßt net, daß' de Beatles gibt. Mit dein' Preslmeia kaunst ei'pockn. Pfiat di". Man fühlte sich durch mich offensichtlich peinlich berührt und sprach tagelang kein Wort mit mir. Das zu meinem ersten Auftritt.
Irgendwann 1966
Ich hatte ein kurzes Gastspiel mit einer drittklassigen sogenannten "Kommerzpartie" (Tanzband anm. d. Verf.) und wir meldeten uns bei einem Bandwettbewerb an, ein idiotisches Unterfangen, aber ich machte mit, weil ich dem Publikum die ihm ungewohnte Technik der Slide-Guitar präsentieren wollte. Als wir die Bühne des allseits bekannten Nostalgietempels "Tenne" betraten, ging ein unwilliges Raunen durch die Menge. "Was will denn der da mit seiner auffrisierten Wanderklampfe ?". Akustikgitarren waren zu dieser Zeit verpönt, aber ich kann auf keinem Saitenbespannten Nudelbrett spielen. Auch wenn ich mir die Verachtung der Fender-Fans zuzog, ich spielte als Abschlußnummer "Original Chicago Blues" eine Eigenkomposition im Elmore James-Stil. Es tanzte sowieso keiner, denn die Leute standen mit dummen Gesichtern im Kreis und die wenigen Musiker schüttelten verwirrt die Köpfe, was das denn für eine Gitarrenstimmung sei. Wenn heute ein Erik Trauner nur die Hälfte dessen macht, was ich damals hinlegte, werden die Höschen naß. So ändern sich die Zeiten. Faktum: Trottel und Arschloch waren noch die netteren Termini, mit denen mich die Band bedachte, denn ich hätte sie mit meiner Musik um eine zumindest vage Chance gebracht, einen Preis zu machen. Okay, es gewann die Crew 2000 und ich verließ wortlos den Ort meiner zweiten Niederlage. Darauf schwor ich mir, nie mehr wieder auf der falschen Hochzeit zu spielen.
Apropos falsche Hochzeit. Ich greife über eine Dekade weiter und erinnere mich an einen Tag an dem ich zu Hause saß und auf meine Frau wartete. Sie hatte sich nach einem Arztbesuch eine Gasthauseinkehr gegönnt. Dort fand eine Hochzeit statt, die gerade von der Musik im Stich gelassen wurde. Prompt rief mich meine Frau an und stellte mir den Sachverhalt dar. Ich meinte, daß ich für solche Anlässe wirklich nicht der Richtige sei, aber nachdem ich erfahren hatte, daß man mir gutes Geld bezahle, schnappte ich meine Utensilien und setzte mich ins Taxi. Angekommen sah ich, daß die halbe Hochzeitsgesellschaft schon der Wirkung des Alkohols anheimgefallen war. Nur eine Schar Kinder gruppierte sich um mich und ich legte mit "Sweet Home Chicago" los. Nach einigen Rock n Roll Titeln kam der Brautvater auf mich zu und meinte, daß das ja alles schön und gut sei, aber ich ja schließlich für die Hochzeitsgesellschaft und nicht für ein paar Kinder spiele. "Können'S wenigstens den "Vogerltanz" spielen. Obwohl ich wußte, daß der Vogeltanz seinen Ursprung in einem Plantagentanz namens "Broken Wing Dance" hat, wollte und konnte ich soetwas nicht spielen. "Dann gengan'S ham. Wos, a Gage woll'n S. Zwa Blaue und Basta". Mit hängenden Köpfchen halfen mir die Kinder, mein Zeug zum Taxi zu bringen und eine Sechsjährige sagt zum Abschied: "Sie haben eine so schöne Stimme, so einen Papa möcht' ich haben....." Das war für mich Gage genug.
Aber nicht nur Kinder halfen mir....einmal waren es sogar Rocker, die ursprünglich vorhatten, einen Klub in Deutschland kurz und klein zu schlagen. Dazu gibt es sogar eine Zeitungsnotiz im Kurier. Ich absolvierte Anfang der 70er drei BRD-Touren und stellte mein Instrument gerade nieder, als der Lokalbesitzer kam und mich fragte, ob ich denn hier spielen wolle. Na klar, ich habe ja Vertrag. Doch man entgegnete mir, daß hier eine Rockerbande unterwegs sei und sich jeden Tag eine andere Lokalität vornahm. Okay, ich habe Vertrag und ich erfülle, wofür ich bezahlt werde. Kaum hatte ich eine halbe Stunde gespielt, stürmten Horrortypen mit Ketten und Baseballschlägern das Lokal. Wie erstarrt saß das Publikum da und macht so auf unauffällig zuhören. Ich sah von meiner Gitarre auf und grinste das Pack herablassend an. Das waren sie nicht gewohnt und stutzten erst einmal. Da setzte ich mit einer neuen Nummer ein und siehe da, sie vergaßen auf ihren "Auftrag" und hörten zu. Nach wenigen Minuten entspannten sich ihre Gesichter und man konnte sehen, daß hinter der Maske der Gewalt ganz normale Menschen hervorkamen. Der Lokalbesitzer rang die Hände und bedeutete mir um Gottes Willen weiterzuspielen und ich tat es. Als ich dann noch ein paar Boogies am Piano spielte, war die Sache schon geritzt. Nachdem ich dann beschloß, Schluß zu machen, halfen sie mir noch, die Anlage ins Auto zu verfrachten und bedankten sich für die schöne Musik.
Aber nicht immer schaffte ich es, meine Persönlichkeit kreativ einzusetzen. Als ich gegen Ende der 60er in einer Provinzdisco einen Starauftritt hatte, merkte ich, daß mir spöttische Antipathie entgegenschlug. Mich störte so etwas weiter nicht, weil es seit jeher Banausen gab und immer noch gibt. Doch vor der Pause kam so eine Mostschädeltype mit einem Hut voll Zehngroschen-Stücke auf mich zu und mümmelte im ärgsten Krautackerdialekt: " Mea hau'm g'saummlt, daß'd aoufheast." (Wir haben gesammelt, damit Du aufhörst). Wortlos schüttete ich diesem Hiasl den Inhalt des Hutes vor die Füße und sagte ihm, ich hätte hier Vertrag und wenn es ihm nicht paßt, soll er den nächsten Kirtag abwarten. An sich habe ich ein Faible für die Landbevölkerung, weil sie in den meisten Fällen noch aus dem Bauch her fühlt, aber in diesem Fall war es eindeutig die Minusversion des Homo Agriculturalis.
In meiner nächsten Umgebung konnte ich eigentlich nie mit Verständnis für meine Kunst rechnen.
Als ich mir im Oktober 1963 meine erste Gitarre kaufte, stellte ich meinen Vater de facto vor die vollendete Tatsache. Da nun nichts mehr zu machen war, meinte er wörtlich: "Ich sag' dir, wenn Du nicht innerhalb eines halben Jahres etwas hörbares zusammenbringst, schmeiß' ich dir das Ding aus dem Fenster und dann kannst Du im Hof weiterklimpern". Sprach's und ich übte, bis mir die Griffel bluteten. Nachdem er hörte, was ich schaffte, meinte er, wenn dieses "Hausmastag'sangl" und diese Niggermusik alles seien, werde ich es nie zu etwas bringen. Als mein Vater mich einmal beim Üben der Bühnenschritte überraschte, sagte er nur, daß ich mit dieser "Haxnverdrahrerei" nur lächerlich machen würde. Außerdem sei ich ein minderwertiger Mensch (!).
Als ich dann meine ersten LPs veröffentlichte, machte er im ganzen Haus die Glöckerlpartie und sagte allen, wie stolz er auf mich sei. Ich selbst habe derartiges nie aus seinem Munde gehört.
Der nächste Fall ist meine Tante. Als ich einmal auswärts war, hatte sie meine Frau an der Strippe und machte sich Sorgen, daß ich längst die Überfuhr (den Anschluß anm. d. Verf.) versäumt habe und meine Frau auf mich einwirken solle, mit dieser "Scheißmusik" aufzuhören und mal zu sehen, was Ambros, Danzer und Fendrich verdienen. Als mich meine Tante einmal live erlebte, nahm sie mich zur Seite und meinte: "Dein Gitarrespiel geht ja noch zur Not, aber dieses G'sangl.....hält doch kein Schwein aus. Ich solle mir doch um Gottes Willen einen Sänger nehmen, der wenigstens ein bisserl schöner singt". Ich würde Hansi Hinterseer vorschlagen, "Big Fat Mama" zu singen. Vielleicht macht er das wirklich besser.
Ich könnte Bücher über solche Anekdoten schreiben, aber ich will zum Schluß mit einer schönen, berührenden Geschichte abschließen.
Vor Jahren war ich auf der Geburstagsfeier eines guten Freundes eingeladen und spielte mit Harry and Mike. Als es zum Aufräumen kam, nahm mich der Jubilar auf die Seite und erzählte mir folgendes......
Während der Feier mußten Bekannte eine 19jährige, die sich mit schwersten Depressionen das Leben nehmen wollte, aus der Wohnung holen und brachten sie ins Lokal, wo wir spielten und setzten sie an einen Tisch. Als der Abend zu Ende war sagte sie: "Es war so schön, nun geht es mir wieder gut". Solche Momente lassen einen dann doch stolz von dannen zieh'n. Ein andermal kam ein Rollstuhlfahrer auf mich zu und meinte: "Ich habe einen Motorradunfall gehabt, aber deine Musik hat mich vergessen lassen, daß ich in diesem Stuhl sitze".
Da wünsche ich mir, daß ich Wunder tun könnte, um unglücklichen Menschen zu helfen.
Wie Roosevelt Sykes zu mir sagte: "Der Blues ist da, um die Menschen vom Blues zu kurieren !"
AL COOK ist nun auch wieder auf Blues.at zu finden!
Wir freuen uns sehr, daß sich Al Cook dazu bereit erklärt hat, uns eine regelmäßige Kolumne und
Geschichten über den Blues zu schreiben, in welcher er uns alle an seinem nahezu unendlichen Erfahrungs -
und Wissenschatz teilhaben läßt.